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unter die vorliegende Kategorie des Gegensatzes gehören, in dieser Weise entstanden sind.

Bei conventionellen Zeichen, welche nicht angeboren sind, wie bei denen, welche die Taubstummen und die Wilden benutzen, ist von dem Principe des Gegensatzes oder der Antithese zum Theil Gebrauch gemacht worden. Die Cistercienser Mönche hielten es für sündhaft zu sprechen, da sie es aber nicht vermeiden konnten, eine gewisse gegenseitige Mittheilung zu unterhalten, so erfanden sie eine Geberdensprache, bei welcher das Princip des Gegensatzes angewendet worden zu sein scheint.[1] Dr. Scott, von der Exeter Taubstummen-Anstalt, schreibt mir, daß „Gegensätze beim Lehren der Taubstummen, welche einen lebendigen Sinn für dieselben haben, sehr viel benutzt werden.“ Trotzdem bin ich doch überrascht gewesen, wie wenig völlig unzweideutige Beispiele sich dafür anführen lassen. Dies hängt zum Theil davon ab, daß sämmtliche Zeichen gewöhnlich irgend einen natürlichen Ursprung haben, und zum Theil von der Gewohnheit der Taubstummen und Wilden, ihre Zeichen zum Zwecke größerer Geschwindigkeit so viel als nur möglich zusammenzuziehen.[2] Ihre natürliche Quelle oder ihr Ursprung wird daher häufig zweifelhaft oder geht vollständig verloren, wie es in gleicher Weise auch bei Worten der articulirten Sprache der Fall ist.

Überdies scheinen viele Zeichen, welche offenbar zu einander im Verhältnis des Gegensatzes stehen, beiderseits als selbständige Bezeichnungen entstanden zu sein. Dies scheint für die Zeichen zu gelten, welche die Taubstummen für Licht und Dunkelheit, für Stärke und Schwachheit u. s. w. benutzen. In einem spätern Capitel werde ich zu zeigen versuchen, daß die einander entgegengesetzten Geberden der Bejahung und der Verneinung, nämlich das senkrechte Nicken und das seitliche Schütteln des Kopfes, beiderseits wahrscheinlich


  1. M. Tylor gibt in seiner ,Early History of Mankind' (2. edit. 1870, p. 40) eine Beschreibung der Geberdensprache der Cistercienser und macht einige Bemerkungen über das Princip des Gegensatzes bei den Geberden.
  2. s. über diesen Gegenstand das interessante Werk von Dr. W. R. Scott, The Deaf and Dumb, 2. edit. 1870, p. 12. Er sagt: „Diese Zusammenziehung natürlicher Geberden, in viel kürzere als es der natürliche Ausdruck erfordert, ist unter den Taubstummen sehr gewöhnlich. Diese zusammengezogene Geberde ist häufig so verkürzt, daß sie alle Ähnlichkeit mit der naturgemäßen Form verloren hat, aber für die Taubstummen, welche sie gebrauchen, hat sie noch immer die Stärke der ursprünglichen Bezeichnung.“
Empfohlene Zitierweise:

Charles Darwin: Der Ausdruck der Gemüthsbewegungen bei dem Menschen und den Thieren. E. Schweizerbart'sche Verlagshandlung (E. Koch), Stuttgart 1877, Seite 55. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DarwinAusdruck.djvu/61&oldid=1655536 (Version vom 20.09.2011)