Seite:DarwinAusdruck.djvu/86

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hierdurch mit den stärksten Gemüthserregungen, deren sie fähig waren, associirt wurde, — nämlich mit glühender Liebe, Rivalität und Triumph. Daß Thiere musikalische Töne hervorbringen, ist eine Jedermann geläufige Thatsache, wie wir es ja täglich im Gesang der Vögel hören. Eine merkwürdigere Thatsache ist die, daß ein Affe, einer der Gibbons, genau eine Octave musikalischer Töne hervorbringt, wobei er die Tonleiter in halben Tönen auf- und abwärts singt, so daß man von diesem Affen sagen kann, daß „er allein unter den Säugethieren singe“.[1] Durch diese Thatsache und durch die Analogie mit anderen Thieren bin ich zu der Folgerung geführt worden, daß die Urerzeuger des Menschen wahrscheinlich musikalische Töne ausstießen, ehe sie das Vermögen der articulirten Sprache erlangt hatten, und daß in Folge hievon die Stimme, wenn sie in irgend einer heftigen Gemüthserregung gebraucht wird, durch das Princip der Association einen musikalischen Character anzunehmen strebt. Bei einigen der niederen Thiere können wir deutlich wahrnehmen, daß die Männchen ihre Stimmen dazu gebrauchen, ihren Weibchen zu gefallen und daß sie selbst an ihren eigenen vocalen Äußerungen Vergnügen finden. Warum aber besondere Laute ausgestoßen werden, und warum diese Vergnügen gewähren, kann für jetzt nicht erklärt werden.

Daß die Höhe der Stimme in gewisser Beziehung zu gewissen Empfindungszuständen steht, ist ziemlich klar. Eine Person, welche sich ruhig über schlechte Behandlung beklagt oder welche unbedeutend leidet, spricht beinahe immer in einem hohen Tone. Wenn Hunde ein wenig ungeduldig sind, so geben sie oft einen hohen pfeifenden Ton durch die Nase, der uns sofort als klagend auffällt;[2] wie schwer ist es aber zu wissen, ob der Laut seinem Wesen nach ein klagender ist oder nur in diesem besondern Falle als solcher erscheint, weil wir aus Erfahrung gelernt haben, was er bedeutet. Rengger gibt an,[3] daß die Affen (Cebus Azarae), welche er in Paraguay hielt, ihr


  1. Die Abstammung des Menschen. 3. Aufl. 1875. Bd. 2, p. 310. Die citirten Worte sind von Professor Owen. Es ist neuerdings nachgewiesen worden, daß Säugethiere, welche in der Stufenreihe viel tiefer als Affen stehen, nämlich Nagethiere, fähig sind, correcte musikalische Töne hervorzubringen, s. die Schilderung einer singenden Hesperomys von S. Lockwood in „The American Naturalist.“ Vol. V. December, 1871, p. 761. s. Die Abstammung des Menschen, a. a. O., p. 311.
  2. Mr. Tylor (Primitive Culture, Vol. I. 1871, p. 166) erwähnt bei Erörterung dieses Gegenstandes das Winseln des Hundes.
  3. Naturgeschichte der Säugethiere von Paraguay. 1830. S. 46.
Empfohlene Zitierweise:

Charles Darwin: Der Ausdruck der Gemüthsbewegungen bei dem Menschen und den Thieren. E. Schweizerbart'sche Verlagshandlung (E. Koch), Stuttgart 1877, Seite 80. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DarwinAusdruck.djvu/86&oldid=1662641 (Version vom 2.10.2011)