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apost. VIII, 7, 1 = IV Esra 8,23 (Weiteres über die Benutzung des Buchs s. bei Schürer a.  a. O. S. 244 f., Bensly-James, S. XXVII ff.), schließlich der Sprachgebrauch der Übersetzungen, bes. der lateinischen, der sich in vielen Fällen nur aus dem Griechischen erklären läßt; vgl. die Anmerkungen unter dem folgenden Text, Volkmar, Apokryphen II, S. 313 ff., und Hilgenfeld, Messias Judaeorum, S. XXXVIII ff. Eine Rekonstruktion des Textes hat Hilgenfeld, Messias Judaeorum, S. 36 ff., unter Beihilfe von de Lagarde und Rönsch versucht; dieses höchst verdienstvolle Unternehmen ist noch immer das beste Mittel zum Verständnis des Textes. Der vorauszusetzende griech. Text hebraisiert an vielen Stellen aufs Stärkste (vgl. die Zusammenstellungen bei Wellhausen, Skizzen u. Vorarbeiten, Heft VI (1899), S. 235 ff., und die Anmerkungen im Folgenden); so lag die Annahme nahe, daß dieser Text seinerseits auf ein hebräisches (oder vielleicht aramäisches) Original zurückgehe. Wellhausen, Gött. Gel. Anz. 1896, S. 12 f., und bes. in Skizzen u. Vorarbeiten, Heft VI, S. 284 ff. (auch Charles, Apocalypse of Baruch 1896, S. LXXII), hat das große Verdienst, daß er für diese Annahme nach älterem Vorgang aufs Lebhafteste eingetreten ist. Gegen diese Annahme spricht, daß Jes. 40,15 von IV Esra 6,56 Lat. nicht nach Hebr., sondern nach LXX citiert wird; doch ist das kein entscheidender Grund: die Stelle könnte nachträglich nach LXX geändert sein, oder IV Esra könnte in seinem hebr. Exemplar den uns in LXX erhaltenen Text gelesen haben. Andererseits hat Wellhausen eine Reihe von Stellen aufgezeigt, die deutlich am Besten unter Annahme eines hebr. Originals verstanden werden; bes. 13,26, wo qui per semet ipsum liberabit heißen muß „durch den er befreien will“ = אֲשֶׁר־בּוֹ. Das Siegel der Bestätigung aber giebt 8,23 (woraus Wellhausen noch nicht aufmerksam geworden ist); hier haben alle Versionen außer Ar² „et veritas testificatur“, ein erhaltenes griech. Citat und Ar² dagegen lesen: καὶ ἡ ἀλήθεια μένει εἰς τὸν αἰῶνα. Diese Varianten sind nur zu erklären als Übersetzungen eines hebr. [וַאֲמׅתּוֹ עׄמֶדֶת לֺעַד [לְעַד ; dieselbe Verwechselung findet sich in LXX Jes. 19,20. Hieraus folgt auch, daß die Grundsprache des Buchs Hebräisch, nicht Aramäisch ist; ferner daß Ar² auf eine zweite griech. Übersetzung des Urtextes zurückgeht. Ein weiteres Mißverständnis des hebr. Originals ist 5,34 „partem iudicii eiusLat u. A. = גֶּזֶר דּׅינוֹ = „die Entscheidung seines Gerichts“; Ar² iudicium et decretum eius. Ferner haben in 14,3 Lat u. A. super rubum, Ar² dagegen in Sina monte; diese Varianten gehen zurück auf Verwechselung von סְנֶה (aram. סַנְיָא) „Dornbusch“ und סׅינַי. Die Thatsache, daß IV Esra weder im Hebräischen noch im Griechischen, sondern in barbarischen Übersetzungen erhalten ist — ein Vorgang, für den es sehr viele Parallelen aus apokalyptischer Tradition giebt —, ist religionsgeschichtlich höchst bemerkenswert: die jüdisch-apokalyptische Litteratur hat zwei große Katastrophen erlebt: die erste, als die jüd. Synagoge, nach den großen Römerschlägen sich aufs Neue sammelnd, die Apokalyptik und die Litteratur in griech. Sprache von sich stieß; so ist das hebr. Original verloren gegangen. Daß damals aber nicht die ganze jüdisch-griechische Litteratur zu Grunde ging, erklärt sich aus dem Umstande, daß dieselbe inzwischen in die christlichen Gemeinden eingeströmt war. Die Beliebtheit und ungeheuere Verbreitung der apokalyptischen Litteratur in dieser ihrer zweiten Heimat bezeugen die verschiedenen Übersetzungen in so weit von einander entfernte Sprachen. Aber auch hier erging über diese Litteratur eine neue Katastrophe: sie ging von dem griechisch-philosophischen Geiste aus, der die griech. Theologen erfüllte, und der in den Apokalypsen die orientalische Mythologie witterte und verwarf. So ist es gekommen, daß die jüd. Apokalysen aus der griech. Kirche, wo der philosophische Geist fortwirkte, verschwunden sind, daß sie sich dagegen in den barbarischen Tochterkirchen, zu denen auch die lateinische gehört, gehalten haben.

Das Verhältnis der Übersetzungen zu einander und zum Urtext ist bisher noch nicht genügend untersucht worden. Lat Syr Aeth Ar¹ Arm scheinen auf dieselbe griech. Übersetzung zurückzugehen. Die treueste und wörtlichste Übersetzung dieses griech. Textes ist
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Hermann Gunkel (Übersetzer): Das vierte Buch Esra. Mohr Siebeck, Tübingen 1900, Seite 333. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DasVierteBuchEsraGermanGunkelKautzsch2.djvu/03&oldid=1996823 (Version vom 5.05.2013)