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Eine Nachahmung des IV Esra nach Form und Inhalt ist auch die griechisch geschriebene christliche Apocalypsis Esdrae (ed. Tischendorf, Apocalypses apocryphae [1866], S. 24ff.). Auch in der ebenfalls griechischen und christlichen Apocalypsis Sedrach (ed. James bei Robinson, Text and Studies, II, 3, S. 127ff.) sind große Partien, bes. K. 2-8, dem IV Esra nachgeahmt. Für die Rekonstruktion des griech. IV Esra bringen beide Apokalypsen leider wenig ein, weil sie sich mit ihm mehr im Sinn als im Wortlaut berühren. Man sieht aus beiden Apokalypsen, daß auf die Späteren bes. die Fürbitte Esras für die Sünder und zugleich der Gedanke, daß es unmöglich sei, Gottes Wege zu erkennen, großen Eindruck gemacht haben. Auch diese Imitationen sind dem IV Esra an Geist und Tiefe weit unterlegen.

4. Zeit und Ort der Abfassung.

Die Zeit des Verfassers ist nach dem Adlergesicht genau zu bestimmen; er hat den Tod des Titus bereits erlebt (11,35) und erwartet jetzt, da er schreibt, den des Domitian (81-96) (12,2.28). — Zu dieser Ansetzung paßt die Haltung auch der übrigen Stücke aufs Beste. Die Schrift blickt auf eine vorlängst geschehene große Katastrophe des jüd. Volkes zurück, die der Verfasser mit der großen Not des babylonischen Exils vergleicht: Jerusalem liegt verwüstet (3,2. 10,48 [11,42]. 12,48), speziell verbrannt (12,44); das Volk ist weggeführt (5,28. 10,22), der Tempel zerstört (10,21), der Gottesdienst aufgehoben (10,21). Der Zweck der Schrift ist, die Frommen in dieser Not des Volks und des Glaubens zu trösten. Die Schrift hat demnach die Zerstörung Jerusalems durch Titus vor Augen. — Es liegt nahe, die Angabe der Schrift „im 30. Jahre der Zerstörung der Stadt“ (3,1.29) als eine (ungefähre) Bestimmung der wirklichen Abfassungszeit aufzufassen; wir würden demnach auf die neunziger Jahre schließen.

Der Verfasser scheint nach 3,1f.33 zu den Deportierten zu gehören. Da er hebräisch schreibt, wird er im Orient zu suchen sein.

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3
Erstes Gesicht[1].

1[2] Im dreißigsten Jahre[3] nach dem Untergange der Stadt verweilte ich Salathiel[4] (der auch Esra heißt) in Babel, und als ich einmal auf meinem Bette lag, geriet ich in Bestürzung, und meine Gedanken gingen mir zu Herzen[5], 2 weil ich Zion verwüstet, Babels Bewohner aber im Überfluß[6] sah. 3 Da ward mein Gemüt heftig erregt, und in meiner Angst[7] begann ich, zum Höchsten zu reden.

Das Problem: Woher kommt die Sünde und das Elend dieser Welt?[8].

4 Ich sprach: Herr Gott[9], bist du es nicht, der im Anfang[10], als du die Erde bildetest, gesprochen, du ganz allein[11], und dem Staube befohlen hast, 5 daß er dir Adam hervorbrachte


  1. In der Einteilung nach „Gesichten“ folge ich der griech. Rekonstruktion in Hilgenfelds Messias Judaeorum 1889.
  2. Die Zählung der Kapitel und Verse nach Bensly-James. Es wäre sehr wünschenswert, wenn eine neue, zum Gedankengang besser passende Zählung geschaffen und dann von allen Herausgebern befolgt würde. In der Vulgata gehen der jüd. Apokalypse zwei christliche Kapitel voraus; vgl. die Einl. S. 332.
  3. Hes. 1,1. Ebenso beginnt die christl. Apoc. Esdrae.
  4. שְׁאַלְתִּיאֵל֙ Esra 3,2; 5,2; Neh. 12,1, Vater des Serubabel.
  5. ἀναβαίνειν ἐπὶ τὴν καρδίαν Hilg. = עָלָה עַל־לֵב.
  6. περισσεία Hilg. = יֶתֶר; Ar¹ paraphrasiert gut plenitudinem divitiasque.
  7. Lat timoratus = εὐλαβής. Rönsch, Itala u. Vulgata, S. 145.
  8. Im Folgenden wirft der Verfasser zwei Fragen auf, die für ihn zusammengehören: 1) die abstrakte: Woher kommt Sünde und Not in der Menschheit? Diese Frage aber ist angeregt und verbindet sich ihm mit der konkreten: 2) Warum ist Israel so sehr in Sünde und Not? Die letztere Frage bekommt ihren Stachel durch die Beobachtung des Glücks der Weltmacht, die doch nach Gott nicht fragt. Der Verfasser [353] hat in diesem ersten Gebet alle seine Gedanken zusammenfassen wollen. Darüber und über der Form der Geschichtserzählung, die er gewählt hat (vgl. die Stephanuspredigt) und die ihn zwingt, mancherlei der Sache ferner Liegendes mitzuerzählen, hat die Durchsichtigkeit der Ausführungen etwas gelitten.
  9. [353] δέσποτα κύριε Hilg. = אדני יהוה.
  10. [353] Dieser Beginn des geschichtlichen Rückblicks mit Adam ist im Gegensatz zu den Propheten, die mit dem Auszuge beginnen, für die Apokalypsen und die neutest. Spekulation charakteristisch. Es ist dies eine Folge des weiteren Horizonts der späteren Zeit.
  11. [353] Gen 2,7f. Dieser Zusatz hat den Zweck, das Problem: woher das böse Herz komme 4,4, zu verschärfen. Woher kommt die Sünde im Menschen, da doch der Mensch ganz allein von Gott herrührt?
Empfohlene Zitierweise:

Hermann Gunkel (Übersetzer): Das vierte Buch Esra. Tübingen: Mohr Siebeck, 1900, Seite 352. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DasVierteBuchEsraGermanGunkelKautzsch2.djvu/22&oldid=2004622 (Version vom 20.05.2013)