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Thöricht ist es, Widernatürliches zu begehren.

Als ich das gehört hatte, fiel ich auf mein Antlitz 12 und sprach zu ihm: Besser wäre es, wir wären nie auf die Welt gekommen[1], als nun in Sünden zu leben und zu leiden und nicht zu wissen, weshalb!13 Er antwortete mir und sprach[2]: ’Einst gingen die Wälder der Bäume des Feldes hin‘[3] und hielten Rat: 14 wohlan, wir wollen hinab gegen das Meer Krieg führen, daß es vor uns zurücktrete und wir uns ’einen neuen Wald‘[4] schaffen! 15 Ebenso hielten die Wogen des Meeres Rat: wohlan, wir wollen hinauf und den Wald des Feldes bekriegen, damit wir uns auch dort ein neues Gebiet erobern! 16 Aber des Waldes Plan ward vereitelt, denn das Feuer kam und verzehrte ihn; 17 ebenso auch der Plan der Wogen des Meeres, denn der Sand trat hin und hielt sie zurück[5]. 18 Wenn du nun[6] ihr Richter wärest[7], wem würdest[8] du Recht geben und wem Unrecht?[9] 19 Ich antwortete und sprach: Beide haben eitlen Rat gehalten; denn das Land ist dem Walde gegeben, der Raum des Meeres aber ist bestimmt, seine Wogen zu tragen. 20 Er antwortete mir und sprach: Du hast richtig geurteilt; warum aber hast du dir nicht selbst das Urteil gesprochen? 21 Denn wie das Land dem Walde gegeben ist, und das Meer seinen Wogen, ebenso können die Erdenbewohner nur das Irdische erkennen und nur die Himmlischen[10] das, was in Himmelshöhen ist[11].

Aber schmerzlich ist es, das Notwendigste nicht zu wissen.

22 Ich antwortete und sprach: Herr, ich flehe dich an, weshalb ist mir dann überhaupt das Licht der Vernunft gegeben? 23 Denn ich wollte dich nicht über Dinge fragen, die uns zu hoch sind, sondern über solche, die uns selber betreffen, jeden Tag aufs Neue:

’Weshalb‘[12] ist Israel den Heiden hingegeben zur Schmach,
dein geliebtes Volk[13] den gottlosen Stämmen?
Das Gesetz unserer Väter[14] ist vernichtet[15],
die geschriebenen Satzungen[16] sind nicht mehr;


  1. Der Ausdruck setzt ursprünglich den Glauben an die Präexistenz der menschlichen Seelen voraus; vgl. Ap. Bar. 3,1. Weish. 8,20. — Zum Sinn vgl. Apoc. Esdrae (ed. Tischendorf) S. 24: καλὸν μὴ γεννηθῆναι τὸν ἄνθρωπον ἢ εἰσελθεῖν ἐν τῷ κόσμῳ · S. 25: καλὸν τὸ μὴ εἶναι ἐν βίῳ und Apoc Sedrach 4: καλὸν ἦν τῷ ἀνθρώπῳ εἰ οὐκ ἐγεννήθη.
  2. Das folgende Stück ist Musterbeispiel einer Parabel.
  3. Syr proficiscentes profectae sunt silvae lignorum campi; vgl. Aeth Arm; vgl. Richt. 9,8 (Wellhausen, G.G.A. 1896, S. 12).
  4. Syr Aeth Singular, Lat Arm Plural.
  5. Jer. 5,22. — Das Attentat des Meers auf das Land, zurückgehalten durch den Sand, ist ein uraltes Motiv der Schöpfungsgeschichte. Der Krieg der Bäume gegen das Meer, der durch die Anschauung der Natur nicht gegeben ist, ist vom Verfasser als Gegenstück ad hoc erdichtet worden.
  6. Syr ergo; vgl. 14,22. Verwechselung von δέ und δή, wie häufig Volkmar S. 315.
  7. εἰ δὴ ἦς κριτὴς τούτων Hilg.
  8. ἤμελλες Hilg.
  9. Mit einer solchen Frage zu schließen, ist Parabelstil; vgl. Jülicher, Gleichnisreden Jesu I, S. 93 und passim.
  10. Syr Singular, Ar² Arm Plural.
  11. Der resignierende Trost aus der Natur der Dinge, der man sich fügen muß, atmet antiken Geist.
  12. Syr (Aeth Ar²) quoniam = διότι, Ar¹ (Arm) quare = διὰ τί Hilg.
  13. ὃν ἠγάπησας λαόν Hilg.
  14. Ein uns befremdender Ausdruck, da wir „Gottes Gesetz“ erwarten; das Gesetz war aber damals zugleich Volkssitte, Gal. 1,14.
  15. Vgl. hierüber weiter 4. Esra 14,21ff.
  16. Lat dispositionis, —is ist Pluralendung.
Empfohlene Zitierweise:

Hermann Gunkel (Übersetzer): Das vierte Buch Esra. Mohr Siebeck, Tübingen 1900, Seite 356. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DasVierteBuchEsraGermanGunkelKautzsch2.djvu/26&oldid=2004625 (Version vom 20.05.2013)