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Höre mir zu, so will ich dich lehren;

merk auf mein Wort, so will ich weiter[1] zu dir sprechen.

33 Ich sprach: Rede, Herr! Er sprach zu mir: Die Sinne vergehen dir[2] über Israels Geschick? Hast du es denn mehr lieb als sein Schöpfer[3]?

Dies Problem ist für Menschen unlösbar.

34 Ich sprach: Nein, Herr; aber vor Schmerzen habe ich reden müssen; denn jede Stunde aufs Neue blutet mir das Herz, wenn ich die Wege des Höchsten erfassen möchte und seines Gerichtes ’Spruch‘[4] erspähen! 35 Er sprach zu mir: Das kannst du nicht. Ich sprach: Warum, Herr? Weshalb ward ich dann geboren? Warum ist meiner Mutter Schoß nicht mein Grab geworden,

daß ich Jakobs Elend nicht brauchte zu sehen
und die Not des Geschlechtes Israel[5]? —

36 Er sprach zu mir:

So nenne mir die Zahl der Zukünftigen[6],

sammle mir zerstreute Tropfen [des Regens] wieder ein,
mach vertrocknete Blumen wieder grün,
37 öffne mir die verschlossenen Kammern
und laß die Winde[7], die sie enthalten, heraus,
’sage mir, wie Gesichter aussehen, die du nie gesehen hast‘[8],

oder zeige mir die Gestalt des Tons[9];

so will ich dir das Rätsel[10] lösen, das du zu schauen begehrst. 38 Ich sprach: Herr, mein Gebieter, wer könnte sich auf dergleichen verstehen[11], außer denen, die nicht unter Menschen wohnen[12]? 39 Ich aber habe nicht Wissen ’noch Macht‘[13]; wie könnte ich solche Fragen beantworten? 40 Er sprach zu mir: So wenig du von alledem, was ich nannte, auch nur Eines zu thun vermagst, so wenig vermagst du mein[14] Gericht zu erfassen[15] oder das Ziel der Liebe, die ich meinem Volke zugesagt[16].


  1. Lat adiciam = προσθήσω = אוֹסׅיף.
  2. ἔκστασις διανοίας = תׅמְהוֹן לֵבָב Dt 28,28.
  3. Nicht: als seinen Schöpfer; vgl. 8,47. — Die Worte sind dem Herzen des Verfassers ein herrlicher Trost: bei all seiner flammenden Liebe zu seinem Volke vermag er Gottes Liebe zu Israel nicht zu erreichen.
  4. Lat (Ar¹ Arm) partem iudicii eius = גֶזֶר דּׅינוֹ vgl. Syr (im Späthebräischen eine gewöhnliche Redensart); Ar² richtig: iudicium et decretum eius.
  5. Citiert von Clemens Alex. Strom. III, 16 S. 556: διὰ τί γὰρ οὐκ ἐγένετο ἡ μήτρα τῆς μητρός μου τάφος, ἵνα μὴ ἴδω τὸν μόχθον τοῦ Ἰακὼβ καὶ τὸν κόπον τοῦ γένους Ἰσραήλ; Ἔσδρας ὁ προφήτης λέγει. - Vgl. Jer. 15,10. 20,14.17f.
  6. Der Passus ist nachgeahmt in Apoc. Sedrach 8, Apoc. Esdrae (ed. Tischendorf) S. 27. 28.
  7. Hiob 37,9; nicht „Seelen“ (gegen Wellhausen). Ar² tribus = φυλάς, führt auf φύσας.
  8. Syr (Aeth Ar¹) et demonstra mihi imaginem facierum, quas nondum vidisti.
  9. Die Antike ist überzeugt, daß auch der Schall, wie alles Existierende, Gestalt habe und gesehen werden könne; nur daß freilich die blöden Organe der Menschen vielerlei Existierendes nicht zu schauen vermögen, was dem Auge Gottes sichtbar ist. Ebenso urteilt die Antike über Gott und das Göttliche: alles dies ist nicht an sich, sondern nur für gewöhnliche Menschen unsichtbar.
  10. Lat laborem = κόπον = עָמָל Ps. 73,16 = mühselige Arbeit, Problem.
  11. Vgl. Apoc. Sedrach 8: μόνος σὺ ἐπίστασαι ταῦτα πάντα.
  12. D. h. den Engeln oder Gott, Dan. 2,11.
  13. Syr (Aeth Ar¹.²) insipiens et miser.
  14. Hier vergißt der Verfasser, daß nicht Gott, sondern nur ein Engel spricht; er hat nur die Hauptsache im Auge, wonach diese Worte letztlich von Gott kommen.
  15. מָצָא vom Lösen des Rätsels.
  16. D. h. die herrliche Verklärung Israels, die das letzte Ziel der Liebe Gottes ist.
Empfohlene Zitierweise:

Hermann Gunkel (Übersetzer): Das vierte Buch Esra. Mohr Siebeck, Tübingen 1900, Seite 362. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DasVierteBuchEsraGermanGunkelKautzsch2.djvu/32&oldid=2004628 (Version vom 20.05.2013)