Seite:DasVierteBuchEsraGermanGunkelKautzsch2.djvu/34

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Wechseln zu: Navigation, Suche
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Der jüngste Tag kommt durch Gott allein.

56 Ich sprach: Ach Herr, wenn ich Gnade vor deinen Augen gefunden habe, so zeige deinem Knecht, durch wen du deine Schöpfung heimsuchen wirst. 6 1 Er sprach zu mir: Im Anfange der Welt[1],

ehe des Himmels[2] Pforten standen,

ehe der Winde ’Stöße‘[3] bliesen;
2 ehe der Donner Schall ertönte,
ehe der Blitze Leuchten strahlte;
ehe die Grundlagen des Paradieses gelegt,
3 ehe ’die Schönheit seiner Blumen‘[4] zu schauen war;
ehe die Mächte der Bewegung[5] bestellt[6],
ehe die zahllosen Heere[7] der Engel gesammelt;
4 ehe die Höhen der Lüfte sich erhoben,
ehe die ’Räume‘[8] des Himmels Namen trugen[9];
ehe Zions Schemel[10] bestimmt war[11],
5 ehe die Jahre der Gegenwart[12] berechnet;
ehe die Anschläge der Sünder verworfen[13],

aber, die Schätze des Glaubens sammeln, versiegelt[14]:

6 damals habe ich dies alles vorbedacht[15], und durch mich und niemand weiter ward es erschaffen; so auch das Ende[16] durch mich und niemand weiter[17]!

Die Scheidung der Zeiten.

7 Ich antwortete und sprach: Wie wird die Scheidung der Zeiten geschehen? wann wird das Ende des ersten Äon sein und der Anfang des zweiten? 8 Er sprach zu mir:

von Abraham bis Abraham[18].

  1. Die folgende wundervolle Schilderung der Welt vor der Schöpfung geht wohl auf vorhandene poetische Traditionen zurück, die ihren letzten Ursprung in Weltschöpfungsmythen haben; vgl. Spr. 8,24-29 (Ps. 90,2) und die babylonischen Schöpfungsepen (Gunkel, Schöpfung und Chaos, S. 401 u. bes. S. 419).
  2. αἰών = Himmel; vgl. 3,18. 8,20. Thore des Himmels werden auch Äth. Henoch 34ff. mit den Winden zusammen genannt.
  3. Lies convectiones = συμφοράς.
  4. Syr (Aeth Ar¹) decor florum. Die Blumen sind die des Paradieses. Die Blumen des (himmlischen) Gottesgartens sind urspr. die Sterne.
  5. Das sind αἱ δυνάμεις τῶν οὐρανῶν Matth. 24,29, d. h. Engelmächte, die die Himmel und die Sterne bewegen. Diese „Mächte“ sind urspr. heidnische Sterngottheiten, bei den Juden zu Engeln herabgedrückt; vgl. Äth. Henoch 80,7.
  6. Zum Ausdruck τάσσεσθαι vgl. Röm 13,1. — Diese festgestellte Ordnung der Sternbewegungen spielt im Judentum eine große Rolle; vgl. Äth. Henoch 72ff. u. a.
  7. militiae = στρατιαί Hilg.
  8. μέτρα, solche Namen werden genannt Slav. Henoch 21,6ff.
  9. Ganz ähnlich beginnt das große babylonische Schöpfungsgedicht: „Einst als droben der Himmel nicht benannt war.
  10. Für Gottes Füße Ps. 99,5. 132,7. 1 Chr. 28,2.
  11. Lat destinaretur.
  12. ἐνεστώς nach Ar² (Gildemeister).
  13. D. h. von Gott verstoßen, vereitelt waren. — Es ist ein wundervoller Trost, zu wissen, daß Gott vor Anbeginn der Welt der Zeit ihre Grenzen gesetzt, der Sünde Maß bestimmt und den Frommen Verschonung zugesichert hat: keine Ereignisse dieser Zeit mögen das ungiltig machen, was vor aller Zeit durch Gottes Rat festgesetzt worden ist.
  14. Offenb. Joh. 7,2f.
  15. Die Schöpfung durch den Gedanken ist eine höhere Auffassung als die durch das Wort.
  16. Diese Schlußfolgerung setzt den allgemeinen Satz voraus, daß das Ende werden wird, wie der Anfang gewesen ist; Urzeit = Endzeit: τὰ ἔσχατα ὡς τὰ πρῶτα Barn. 6,13. Dies ist eins der Fundamentaldogmen der jüd.-christl. Eschatologie.
  17. Der Schlußsatz des Lat (ut et finis per me et non per alium) = ὡς καὶ τὸ τέλος (od. ἡ τελευτή) δι’ ἄλλου (v. Wilamowitz) ist in Syr Aeth Ar¹.² aus (christlichen) Bedenken ausgelassen. — Der obige Abschnitt polemisiert gegen die Christologie der neutest. Spekulation oder einer verwandten jüdischen Richtung. — Nach der Meinung des Verfassers soll in den obigen Worten nicht das Kommen des Christus überhaupt geleugnet werden; der Verfasser will nur das leugnen, daß das Ende selbst (das jüngste Gericht) durch Christus geschehen werde.
  18. Hier und im Folgenden der Ton des nur leise zu lüftenden, halb verschleierten Geheimnisses. Eine Allegorie ist Gal 4,21-31.
Empfohlene Zitierweise:

Hermann Gunkel (Übersetzer): Das vierte Buch Esra. Mohr Siebeck, Tübingen 1900, Seite 364. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DasVierteBuchEsraGermanGunkelKautzsch2.djvu/34&oldid=2004629 (Version vom 20.05.2013)