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Denn von ihm stammen Jakob und Esau; die Hand Jakobs aber[1] hielt im Anfang[2] die Ferse Esaus. 9 Die ’Ferse‘[3] des ersten Äon ist Esau; die ’Hand‘[4] des zweiten ist Jakob. 10 ’Der Anfang des Menschen ist die Hand, sein Ende die Ferse‘[5]. ’Zwischen Ferse und Hand nichts weiter! — Das überlege, Esra‘[6]!

Die Zeichen der letzten Zeit und das Ende.

11 Ich antwortete und sprach: Herr, mein Gebieter, wenn ich Gnade vor deinen Augen gefunden habe, 12 so zeige deinem Knecht die letzten deiner Zeichen, von denen du mir in vergangener Nacht einen Teil gezeigt hast. 13 Er antwortete und sprach zu mir: Stelle dich fest auf deine Füße, so wirst du eine gewaltig laute Stimme vernehmen; 14 und wenn der Ort, da[7] du stehst, beim Erschallen dieser Stimme mächtig schwankt[8], 15 so ängstige dich nicht: denn die Stimme redet vom Ende; die Tiefen der Erde aber werden es verstehen[9], 16 daß von ihnen selber die Rede ist. Sie werden zittern und schwanken, denn sie wissen, daß an ihnen beim Ende eine Verwandlung geschehen soll. 17 Als ich das vernommen hatte, trat ich fest auf meine Füße und horchte auf: da ertönte eine Stimme, die scholl wie der Schall großer Wasser[10].

18 Die sprach: Siehe, Tage werden sein,

wann[11] ich komme zu nahen, um heimzusuchen die Erdenbewohner,
19 wann ich komme zu rächen[12] ’den Frevel‘[13] der bösen Frevler,
wann Zions Erniedrigung voll ist

20 und der Äon, der dahingeht, versiegelt[14],

da will ich folgende Zeichen geben: Bücher[15] werden aufgethan im Angesichte der Veste, die werden alle auf einmal sehen[16]. 21 Jährige Kinder werden ihre Stimme erheben und reden; Schwangere gebären Frühgeburten im dritten und vierten Monat; die aber bleiben am Leben und laufen umher. 22 Plötzlich werden besäte Felder ohne Frucht erscheinen, und volle Scheuern


  1. enim steht häufig für δέ; vgl. Bensly, Missing Fragment S. 58, A. 47.
  2. Gen. 25,26. — Wiederum der Satz: wie der Anfang, so das Ende.
  3. Syr calcaneus, Lat finis. Lat bringt vorschnell die Erklärung hinein und zerstört dadurch den absichtlich mysteriösen Eindruck des urspr. Textes. Ebenso wie Lat auch Ar¹.
  4. Syr manus, Lat Ar¹ Aeth initium.
  5. Syr (Aeth Ar¹, vgl. Ar²) principium enim hominis manus eius, et finis hominis calcaneus eius. Dieser geheimnisvolle Ansatz zur Erklärung des Mysteriums darf nicht fehlen: bei Lat ist der Satz verstümmelt.
  6. Lat (Syr) inter calcaneum et manum aliud noli querere, Mißverständnis des griech. Textes: μεταξὺ πτέρνης καὶ χειρὸς οὐδὲν ἄλλο· ζήτει Ἔζρα. Ar¹ et ecce calcaneus et manus coniuncta erant ist dem Sinne nach richtig. Die Aufforderung zum Nachdenken ist apokalyptischer Stil; vgl. Mark. 13,14 und sonst. — Die „Weisheit“ des Mysteriums ist, daß dieser Äon mit der Weltherrschaft Esaus = Roms schließt, und jener mit der Weltherrschaft Jakobs = Israels beginnt, und daß Israels Weltreich dem römischen ohne Unterbrechung auf dem Fuße nachfolgt. Edom = Rom; vgl. Schürer³ III, S. 236, A. 55. — Hiernach wird die Zeit der Weltherrschaft Israels als Anfang zum kommenden Äon gezählt: anders 7,29.31, wo die Herrschaft des Christus der Schluß dieses Äons ist. Dies Schwanken findet sich auch sonst; es ist daraus zu verstehen, daß diese „messianische“ Zeit eine Übergangszeit ist und daher doppelte Beurteilung zuläßt. Daß sich beide Auffassungen im 4 Esra finden, erklärt sich daraus, daß der Verfasser von verschiedenen Traditionen zugleich abhängig ist.
  7. Über die Konstruktion vgl. zu 4,28.
  8. Die Konstruktion entspricht dem hebr. Inf. abs.; vgl. 6,32. 7,67; Bensly, Missing Fragment S. 27.
  9. intellegetur, etwa αἰσθήσεται, abhängig von θεμέλια.
  10. Hes. 1, 24. Der Verfasser meint, daß Gott hier selber spreche; sagt dies aber nicht, aus religiösem Zartgefühl.
  11. Hebraisierend = וְהׇוׇי; vgl. zu 3,12.
  12. inquirere ab = ἐκζητεῖν ἀπό (Hilg.) = דָּרַשׁ מִן (Wellh.).
  13. Aeth et tunc inquiram eorum iniustitiam, qui iniuste egerunt; vgl. auch Arm; Lat iniustitia sua.
  14. D. h. vollendet; das Bild von der Urkunde.
  15. Gemeint sind an dieser Stelle Bücher, die Plagen enthalten, wie Offenb. Joh. 5,1. Solche Bücher werden als Zauberbücher gedacht; ihr Öffnen bewirkt, daß die Plagen wirklich geschehen.
  16. Zum Erstaunen und Grausen der Welt erscheint am Himmel (in gewaltig großer Schrift) die Ankündigung der furchtbaren Zukunft.
Empfohlene Zitierweise:

Hermann Gunkel (Übersetzer): Das vierte Buch Esra. Mohr Siebeck, Tübingen 1900, Seite 365. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DasVierteBuchEsraGermanGunkelKautzsch2.djvu/35&oldid=2199208 (Version vom 20.05.2014)