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einen einzigen Pfad giebt es zwischen beiden, zwischen Feuer und Wasser, und dieser Pfad ist so schmal, daß er nur eines Menschen Fußspur fassen kann. 9 Wenn nun jene Stadt jemandem zum Erbteil gegeben wird, wie wird der Erbe sein Erbteil in Besitz nehmen können, wenn er nicht vorher den gefährlichen Weg dahin durchschritten hat? — 10 Ich sprach: Gewiß, Herr! Er sprach zu mir: So ist auch Israels Teil: 11 ihrethalb habe ich zwar den Äon geschaffen; als aber Adam meine Gebote übertrat, ward die Schöpfung gerichtet[1]: 12 Da sind die ’Wege‘[2] in diesem Äon schmal und traurig und mühselig geworden, ’elend‘[3] und schlimm, voll von Gefahren und nahe[4] an großen Nöten; 13 die ’Wege‘[5] des großen[6] Äons aber sind breit und sicher und tragen die Früchte des Lebens. 14 Wenn die Lebenden also in diese Engen und Eitelkeiten[7] nicht eingegangen sind, können sie nicht erlangen, was ihnen aufbewahrt ist.

15 Warum betrübst du dich also, ’daß‘ du vergänglich bist?
warum erregst du dich, ’daß‘[8] du sterblich bist?

16 Warum nimmst du dir nicht die Zukunft zu Herzen, sondern nur die Gegenwart[9]?


Das Schicksal der Sünder.
Das Schicksal der Sünder ist traurig, aber wohlverdient.

17 Ich antwortete und sprach: Herr Gott, du hast ja in deinem Gesetze[10] bestimmt, nur die Gerechten würden dies Erbteil bekommen[11], aber die Gottlosen sollten ins Verderben gehen. 18 So können die Gerechten die Enge wohl ertragen, da sie die Weite hoffen; die Gottlosen aber haben die Enge erduldet und werden die Weite nicht sehen!

19 Er sprach zu mir:

’Du‘[12] bist doch kein Richter über Gott[13]
und kein Weiser über den Höchsten?

20 Mögen lieber die Meisten der Lebenden ins Verderben gehen, als ’daß‘[14] Gottes Gebot und Vorschrift verachtet werde! 21 Denn Gott hat den Lebenden, sobald sie zum Leben kamen, feierlich erklärt, was sie thun sollten, um das Leben zu erwerben, und was sie halten sollten, um nicht der Strafe zu verfallen. 22 Sie aber waren ungehorsam und widersprochen ihm;


  1. Diese jammervolle Welt ist nicht mehr die Welt, die aus der Hand des guten und gnädigen Gottes urspr. hervorgegangen ist, von der Gen 1 sagt: siehe, es war alles gut. So entsteht die Lehre vom Falle der Schöpfung, die auch Paulus Röm. 8,20 voraussetzt. Letztlich bedeutet dies Dogma einen Kompromiß der alten optimistischen Weltbetrachtung, die nur für die Urzeit anerkannt wird, und der modernen jüdisch-pessimistischen, die für die Gegenwart Recht bekommt.
  2. Der Text des Lat und Syr ist in Verwirrung. Jedenfalls soll der Sinn sein, daß dieser Äon der beschwerliche Zugang zu jenem Äon ist (so paraphrasiert richtig Ar²). Aeth übersetzt V. 12f. viae, dagegen V. 4 und 7 via introitus, ebenso Ar¹, wonach oben. — Die „Wege dieses Äons“ sind die Wege, auf denen wir Menschen in diesem Leben hienieden wandeln.
  3. Syr cum infirmitatibus; vgl. Ar¹.
  4. μόχθων πολλῶν ἐχόμεναι (Hilg.) ἔχεσθαι = אֵצֶל.
  5. WS: Siehe die drittletzte Anmerkung.
  6. D. h. des gewaltigen, kommenden Äon; dem Sinne nach richtig Syr saeculi futuri, Aeth istius mundi; für den Ausdruck עוֹלֺם הֺרַב vgl. Slav. Hen. 61,2. 66,7.
  7. κενά Volkmar = רֵיקׅים.
  8. Arm quod mortalis es – quod corrumperis. Esra soll nicht über Tod und Sterben nachdenken, weil das nur — freilich notwendige — Durchgangsstadien sind.
  9. Diese Worte sind wichtig für den Zusammenhang des Buchs; mit ihnen wendet sich der Verf. von der Betrachtung der Gegenwart ab zu der der Zukunft; vgl. die Einleitung S. 337.
  10. Gemeint ist etwa Dt. 8,1.
  11. Diese Antwort ist die allgemeine des Judentums und auch von Paulus acceptiert. Wodurch man aber gerecht werde, untersucht das Judentum nicht weiter, weil ihm selbstverständlich ist, man werde dadurch gerecht, daß man Gottes Gebote hält; vgl. V. 21.
  12. Syr Aeth Ar¹ Arm betonen tu.
  13. Apoc. Pauli 33 μὴ σὺ ἐλεήμων ὑπάρχεις ὑπὲρ τὸν θεόν;
  14. Lat pereant enim multi praesentes quam neglegatur, qua anteposita est die lex = ἀπολλύσθωσιν γὰρ πολλοὶ παρόντες ἦ ἀμελείσθω ὁ προκείμενος τοῦ θεοῦ νόμος v. Wilamowitz.
Empfohlene Zitierweise:

Hermann Gunkel (Übersetzer): Das vierte Buch Esra. Mohr Siebeck, Tübingen 1900, Seite 369. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DasVierteBuchEsraGermanGunkelKautzsch2.djvu/39&oldid=1074058 (Version vom 13.04.2010)