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größere Freude als der, der die Fülle hat. 60 So wird es auch in dem ’Gerichte‘[1] sein, das ich verheißen: ich will an den Wenigen, die gerettet werden, meine Freude haben – sie sind es ja, die auch schon jetzt meinen Ruhm befestigen[2], durch die auch schon jetzt mein Name [mit Preis] genannt wird — 61 und will keine Trauer hegen über die Menge derer, die verloren gehn, – sie sind es ja, die auch schon jetzt

dem Dampfe vergleichbar sind,
dem Feuer ’ähnlich‘[3],
wie Rauch geachtet:
sie haben gebrannt, geglüht, sind erloschen[4]!
Qual und Verantwortlichkeit der Vernunft.

62 Ich antwortete und sprach: O Erde, was hast du gezeugt, wenn die Vernunft[5] aus dem Staub entstanden ist wie jede andere Kreatur! 63 Besser wäre es gewesen, der Staub selber wäre niemals entstanden, daß die Vernunft nicht daraus gekommen wäre. 64 Nun aber wächst die Vernunft mit uns auf[6], und dadurch leiden wir Pein, daß wir mit Bewußtsein ins Verderben gehen[7].

65 So traure[8] der Menschen Geschlecht,
die Tiere des Feldes mögen sich freuen!
Mögen alle Weibgeborenen jammern[8],
das Vieh aber und Wild soll frohlocken[9]!

66 Ihnen ergeht’s ja viel[10] besser als uns; denn sie haben kein Gericht zu erwarten[11], sie wissen nichts von einer Pein, noch von einer Seligkeit, die ihnen nach dem Tode verheißen wäre. 67 Wir aber, was nützt es uns[12], daß wir einst zur Seligkeit kommen können, aber [in Wirklichkeit] in Martern fallen? 68 Denn alle, die geboren sind,

sind von Gottlosigkeiten ’entstellt‘[13],
voll von Sünden,
mit Schuld beladen.

69 Und viel besser wäre es für uns, wenn wir nach dem Tode nicht ins Gericht müßten[14]!

70 Er antwortete mir und sprach: Ehe der Höchste die Welt schuf, Adam und alle seine Nachkommen, hat er vorher das Gericht, und was zum Gerichte gehört, bereitet[15]. 71 Nun aber lerne aus deinen eigenen Worten. Du sagtest ja: die Vernunft wachse mit euch auf. 72 Ebendeshalb verfallen, die auf Erden weilen, der Pein, weil sie trotz der Vernunft, die sie doch


  1. Lat creatura κτίσις, verschrieben aus κρίσις (so Syr Ar¹) Bensly.
  2. Syr Ar² confirmant, Lat dominatiorem (Benslys Konjektur) = κυριωτέραν (Bensly).
  3. Syr et pares flammae facti sunt.
  4. Jes. 43,17.
  5. νοῦς.
  6. Wenn wir selber (aus Kindern) heranwachsen.
  7. Syr quia cum sciamus perimus. Der Sinn ist: uns Menschen gereicht die Vernunft nur zur Pein, weil es unsere ewigen Qualen noch verschärfen wird, daß wir mit vollem Bewußtsein leiden!
  8. a b Syr (Aeth Arm) lugeant — lamententur, Wechsel im Ausdruck.
  9. Dies ist nach antiker Anschauung ein ganz erschütternder Ausdruck der Verzweiflung; vgl. als Gegenstück Gen. 1. Ps. 8: die Antike zeigt sonst den Menschen als hocherhaben und als Herrn über die Tiere.
  10. multum = multo (Bensly S. 62).
  11. Ap. Esdrae (ed. Tischendorf) S. 25: τὰ ἄλογα κάλλιόν εἰσιν παρὰ τὸν ἄνθρωπον, ὅτι κόλασιν οὐκ ἔχουσιν· ἡμᾶς δὲ ἔλαβες καὶ εἰς κρίσιν παρέδωκας.
  12. Man beachte, daß der Verfasser hier und im Folgenden sich mit unter die Sünder rechnet; vgl. die Einleitung S. 338.
  13. συμπεφυρμένοι (Bensly).
  14. Zu diesem höchst beachtenswerten vollständigen Stimmungsumschwung des Buchs vgl. die Einleitung S. 338.
  15. Nach den Lehren des Judentums sind Paradies und Gehenna, die „Orte des Gerichts“, vor der Welt geschaffen. Der Verfasser nimmt diese Lehre auf, um zu zeigen, daß das Gericht ein Verhängnis ist, älter als die Menschen selbst, unter dem sie von vornherein stehen, dem zu entrinnen für sie schlechterdings unmöglich ist.
Empfohlene Zitierweise:

Hermann Gunkel (Übersetzer): Das vierte Buch Esra. Mohr Siebeck, Tübingen 1900, Seite 373. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DasVierteBuchEsraGermanGunkelKautzsch2.djvu/43&oldid=2234677 (Version vom 31.08.2014)