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besaßen[1], gottlos gehandelt, weil sie die Gebote, die sie doch erhalten, nicht beobachtet und das Gesetz, das ihnen doch gegeben, trotzdem sie es empfangen, gebrochen[2] haben[3]. 73 Was werden sie beim Gericht zu sagen vermögen? Was werden sie am jüngsten Tag erwidern können? 74 Lange genug hat doch der Höchste Langmut gehabt mit den Bewohnern der Welt — freilich nicht um ihretwillen, sondern der Zeiten wegen, die er festgesetzt hatte[4]!

Über die siebenfältige Pein und die siebenfältige Freude des Zwischenzustands.'

75 Ich antwortete und sprach: Wenn ich Gnade vor dir, Herr[5], gefunden, so zeige deinem Knecht auch dies: ob wir nach unserem Tode, wenn wir unsere Seele zurückgeben müssen, einstweilen in Frieden bewahrt werden, bis jene Zeiten kommen, in denen du die Schöpfung erneuern[6] wirst, oder ob wir sofort der Pein verfallen? 76 Er antwortete mir und sprach: Ich will dir auch dies offenbaren. Du aber vermenge dich nicht selbst mit den Verächtern, noch rechne dich zu denen, die gepeinigt werden. 77 Denn du hast einen Schatz guter Werke, der dir beim Höchsten aufbewahrt bleibt[7]; der soll dir freilich erst am jüngsten Tag offenbar werden.

78 Über den Tod aber habe ich dir zu sagen: wenn der entscheidende Spruch von dem Höchsten ergeht, daß der Mensch sterben soll,

wo sich der Geist vom Körper trennt[8]
und zu dem zurückkehrt[9], der ihn gegeben hat[10],

um zunächst vor der Herrlichkeit des Höchsten anzubeten[11]: 79 hat er nun zu den Verächtern gehört,

die die Wege des Höchsten nicht bewahrt,
die sein Gesetz verschmäht
und die Gottesfürchtigen gehaßt,

80 solche[12] Seelen gehen nicht in die Ruhekammern ein, sondern müssen sogleich qualvoll umherschweifen, unter ständigem Seufzen und Trauern, in siebenfältiger Pein[13].

81 Die erste Pein ist, daß sie des Höchsten Gesetz verachtet; 82 die zweite, daß sie die wahre Buße[14] zum Leben nicht mehr thun können; 83 die dritte, daß sie den Lohn sehen, der


  1. Der Gedanke, der Mensch besitze die Vernunft V. 64, wird in geistvoller Weise umgedreht, um die Verantwortlichkeit des Menschen zu beweisen.
  2. ἠθέτησαν (Bensly).
  3. Man beachte den großen Ernst des Vergeltungsgedankens.
  4. 4,37.
  5. Lat domine, Syr dominator domine; dieselbe Abweichung auch 6,38.55. 7,45; die anderen Versionen stehen, soweit sie an dieser Stelle überhaupt ein Äquivalent haben, aus Seite des Lat. Zu einer Änderung des Lat nur an dieser Stelle (7,75) liegt also kein Grund vor (gegen Bensly-James).
  6. Vgl. den Terminus καινὴ κτίσις.
  7. Die Anschauung von den im Himmel aufbewahrten Schätzen (Matth. 6,20. Luk. 12,33. 1 Tim. 6,17ff.) ist urspr. gewiß im eigentlichen, später im übertragenen Sinne gemeint.
  8. Derselbe Ausdruck Ap. Sedrach 11.
  9. Syr mittatur, Aeth Ar¹ revertatur.
  10. Pred. 12,7; vgl. auch Ap. Mosis (ed. Tischendorf) 31.
  11. Diese Näherbestimmung (adorare etc.) ist als eine Exegese des vorhergehenden Satzes gedacht. Pred. 12,7, der hier citiert wird, hat noch die alte Psychologie, wonach der Geist des Menschen zu Gott zurückgeht (und in ihm verschwindet); im 4 Esra dagegen gilt die neue Lehre, wonach die Seele des Menschen in Ewigkeit ihr selbständiges Wesen behält. Der Satz Pred. 12,7 kann daher von 4 Esra nur in dem Sinne verstanden werden, daß die Seele des Menschen nach dem Tod auf bestimmte Zeit und zu einem bestimmten Zwecke vor Gott tritt.
  12. Über die Form haec vgl. Bensly S. 64.
  13. Wörtlich: in 7 Arten (דֶרֶך). — Die folgende Disposition des Stoffes zu 7 Martern und 7 Seligkeiten, die nach unserem Begriffe die Wirkung der Gedanken etwas stört, gehört dennoch von Anfang an zum Stoffe; sie stammt aus der urspr. babylonischen im Judentum allgemeinen Tradition, daß es 7 Himmel und 7 Höllen gebe, in denen die Verstorbenen nach altjüd. Tradition 7 Stufen der Seligkeit und Pein unterliegen. Diese Beschreibung der 7 Seligkeiten und 7 Martern zeichnet sich vor anderen derartigen, gewöhnlich sehr krassen Schilderungen durch ihre hohe Spiritualisierung aus.
  14. Syr converti et facere bona, nach Bensly S. 87 vielleicht das Ursprüngliche. Aber Lat reversio bona = תּשׁוּבָה טוֹבָה.
Empfohlene Zitierweise:

Hermann Gunkel (Übersetzer): Das vierte Buch Esra. Mohr Siebeck, Tübingen 1900, Seite 374. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DasVierteBuchEsraGermanGunkelKautzsch2.djvu/44&oldid=2234678 (Version vom 31.08.2014)