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sollen, von nun an [wie diese] nicht mehr vergänglich. 98 Die siebente Freude, höher als alle genannten, ist die, daß

sie zuversichtlich frohlocken,
sicher vertrauen[1]
und furchtlos sich freuen;

denn sie eilen herzu, das Antlitz dessen zu schauen[2], dem sie im Leben gedient, und von dem sie Lob[3] und Lohn empfangen sollen. 99 Das sind die Freuden der Seelen der Gerechten, die[4] ihnen schon für jetzt verheißen sind; die Martern aber[5], von denen ich sprach, sind es, denen die Sünder[6] schon jetzt verfallen. —

100 Ich antwortete und sprach: Es wird also den Seelen, nachdem sie sich von ihren Leibern getrennt haben, eine Frist verstattet, das zu schauen, was du mir geschildert hast? 101 Er sprach zu mir: Sieben Tage haben sie Freiheit[7], um sich in diesen sieben Tagen das, wovon ich gesprochen[8], zu betrachten; darnach werden sie in ihre Kammern versammelt.

Giebt es Fürbitte beim jüngsten Gericht?[9]

102 Ich antwortete und sprach: Wenn ich Gnade vor deinen Augen gefunden habe, so zeige mir, deinem Knechte, noch dies: ob die Gerechten am Tage des Gerichts für die Gottlosen eintreten und beim Höchsten für sie bitten dürfen[10]: 103 Väter für Söhne, Söhne für die Eltern, Brüder für Brüder, Verwandte für ihre Vettern, Freunde[11] für ihre Genossen? 104 Er antwortete mir und sprach: Weil du Gnade vor meinen Augen gefunden hast, so will ich dir auch dies zeigen. Der Tag der Entscheidung ist ’wie der Gerichtsbote‘[12] und zeigt allen das Siegel der Wahrheit[13]. Wie schon jetzt kein Vater den Sohn, kein Sohn den Vater, kein Herr den Knecht, kein Freund den Genossen senden kann, daß er für ihn ’krank sei‘[14], schlafe, esse oder sich heilen lasse, 105 so wird ’auch dann‘[15] keineswegs jemand für irgend wen bitten ’noch jemanden anklagen‘[16] dürfen; dann trägt ein jeder ganz allein seine Ungerechtigkeit oder Gerechtigkeit[17].

106 Ich antwortete und sprach: Wie finden wir aber jetzt geschrieben, daß schon[18] Abraham für die Leute von Sodom gebetet hat, Mose für unsere Väter, als sie in der Wüste sündigten, 107 Josua nach ihm für Israel in den Tagen Achans[19], 108 Samuel ’in den Tagen Sauls‘[20],


  1. können, aus welchen Kreisen der Auferstehungsglaube urspr. stammt. Er stammt aus einer Religion, deren Götter Sterne waren, und in der das Ideal der Gläubigen war, der Sterblichkeit der Menschenkinder entrückt und zu unsterblichen Göttern, zu ewigen Sternen zu werden. Dies also ist der älteste Sinn des Wortes „in den Himmel kommen“; vgl. Äth. Henoch 104,2.

  2. Zur Form vgl. Bensly S. 16.
  3. Matth. 5,8.
  4. ἔνδοξος Bensly.
  5. αὕτη ἡ τάξις τῶν ψυχῶν τῶν δικαίων ὡς ἐκ τοῦ νῦν ἐπαγγέλλεται v. Wilamowitz.
  6. Die Konstr. des Lat scheint zu sein praedictae [sunt] viae cruciatus (Bensly).
  7. negligere =·πλημμελεῖν.
  8. Warum gerade sieben Tage, wird hier nicht gesagt; man hat allen Grund, hierin eine Tradition zu sehen, deren Herkunft einstweilen dunkel ist. Ähnliches bei Plato.
  9. Sermo = λόγος דֺבֺר; ebenso 10,5.
  10. Der Zusammenhang des folgenden Abschnitts mit dem Vorhergehenden ist folgender. Die Frage dieses Abschnitts: ist im Gericht kein Durchschlüpfen möglich? und die Frage des vorigen: giebt es nicht vielleicht wenigstens Ruhe bis zum Gericht? haben denselben verschwiegenen Hintergrund: hat der Sünder denn gar keine Möglichkeit mehr, wenn auch nur für eine bestimmte Zeit, dem Verderben zu entgehen? Der Verf. weist alle Ausflüchte mit Energie zurück.
  11. poterint = poterunt (Bensly).
  12. φίλοι Bensly.
  13. Syr lictor.
  14. D. h. das Siegel des Richters, das die Wahrheit (des Urteils) bezeugt.
  15. Syr Aeth (Arm) infirmetur, Lat (Ar²) intellegat (Verwechselung von νοσέω und νοέω, Bensly).
  16. Syr etiam tunc; vgl. Ar¹.
  17. Syr neque ut gravet aliquis aliquem: vgl. Aeth.
  18. Diese Entscheidung macht dem Verf. alle Ehre, da er sich selbst damit einen vielleicht möglichen Trost abschneidet. Die Forderung der Gerechtigkeit will er nicht abschwächen, sondern sie vertiefen; vgl. oben S. 339.
  19. Hier setzt der Sangermaneusis wieder ein.
  20. Jos. 7,7ff. LXX Ἀχαρ.
  21. 1 Sam. 7,9. 12,23.
Empfohlene Zitierweise:

Hermann Gunkel (Übersetzer): Das vierte Buch Esra. Mohr Siebeck, Tübingen 1900, Seite 376. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DasVierteBuchEsraGermanGunkelKautzsch2.djvu/46&oldid=2233599 (Version vom 29.08.2014)