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Das Gebet Esras um Erbarmen und die göttliche Antwort[1].
20 Herr, der du im Himmel[2] wohnst,
dessen Augen hoch oben[3],
dessen Gemach[4] in den Lüften;
21 dessen Thron ’unbeschreibbar‘[5],
dessen Herrlichteit[6] unfaßbar;
vor dem der Engel Heer mit Zittern steht,
deren Chor[7] sich wandelt in Sturm und Feuer;
22 dessen Wort fest bleibt,
dessen Befehle giltig,
23 dessen Gebot gewaltig,
dessen Geheiß gefürchtet;
dessen Blick die Tiefen vertrocknet[8],
dessen Dräuen die Berge zerschmilzt[9];
dessen Wahrheit ’ewig bleibt‘[10], —
24 erhöre[11] deines Knechtes Gebet,
vernimm mit den Ohren das Flehn deines Gebildes
und merke auf meine Worte!
25 Denn solange ich lebe, muß ich reden,
solang ich denken kann, erwidern[12]. —
26 Schau nicht auf deines Volkes Sünden,
sondern auf die, die dir wahrhaft gedient;
27 blicke nicht auf die Thaten[13] der Frevler,
sondern auf die, die deine Bündnisse in Leiden bewahrt[14];

  1. Lat Syr Aeth haben die Überschrift „Anfang der Worte des Gebetes des Esra, bevor er entrückt worden ist“. Das Stück hat — wegen seiner besonderen Schönheit und Tiefe – schon früh die Augen auf sich gezogen und begegnet als „confessio Esdrae“ häufig unter den Cantica der Vulgata; ein ähnlicher Fall Ap. Bar. 48. — Von diesem „Gebet des Esra“ existieren im Lat zwei verschiedene Versionen: die eine davon (M) gehört zum 4 Esra, die andere ist (zu liturgischem Gebrauch) selbständig verfertigt (Vat. Colb. Jen. Dub. Moz.) und in 4 Esra nachträglich eingedrungen (S A C).
  2. αἰών = Himmel; vgl. 3,18. Gottes Wohnen im Himmel, urspr. ein Stück Astralreligion, schon im ältesten Israel bekannt, im Judentum aufs Neue eingedrungen und zu dieser Zeit der Ausdruck der göttlichen Transcendenz. Der Jude antwortet auf die Frage, wen er verehre? ich bete „den Gott des Himmels“ an.
  3. Die Augen Gottes, die hoch in Himmelshöhen sind und von dort auf das Thun der Menschenkinder herabschauen, sind urspr. die Sterne.
  4. Arm coenacula = ὑπερῷα Hilg. — Diesem Bild, das aus dem A. T. wohlbekannt ist, liegt urspr. die Vorstellung zu Grunde, daß die Welt ein Haus von zwei Etagen sei: im Oberstock wohnt Gott, der Unterstock ist die Welt, die wir mit Augen sehen.
  5. Das Geheimnis des göttlichen Throns behandelt Hes 1. Syr (Ar¹ Arm) immensus, inenarrabilis. Dieser wunderbare Thron Gottes ist nicht eine Phantasie des Hesekiel, sondern ein mythologisch-kosmologischer Stoff, urspr. der Himmel selbst, was die Erklärer des Hesekiel noch immer nicht wissen.
  6. Das Judentum denkt bei der δόξα Gottes an den überirdischen, wunderbaren Glanz, der Gott umgiebt, und der durch den ganzen Himmel ausgegossen ist. Auch diese Anschauung geht urspr. aus Sternreligion zurück.
  7. מׅשְׁמָר; zum Sinn vgl. Ps. 104,4.
  8. Das uralte Motiv aus der Schöpfungsgeschichte.
  9. Ein Motiv aus der Eschatologie (Weltbrand) Mich. 1,4. Jes. Sir. 16,18f.
  10. Lat (Syr Aeth Ar¹ Arm) testificatur. Ar² permanet nec desinit. Die Worte sind citiert Const. apost. 8.7: οὗ τὸ βλέμμα ξηραίνει ἄβυσσον καὶ ἡ ἀπειλὴ τήκει ὄρη καὶ ἡ ἀλήθεια μένει εἰς τὸν αἰῶνα. Diese wunderlichen Varianten, „ewig ist“, „Zeuge ist“, sind nur aus dem Hebräischen zu erklären, aus einer Verwechselung von עֹמֶדֶת לֺעַד und לְעֵד; dieselbe Verwechselung findet sich in LXX Jes. 19,20, vgl. oben S. 333.
  11. Lat M Syr Aeth Ar¹ Arm haben domine nicht.
  12. Eine treffende Selbstcharakteristik.
  13. ἐπιτηδεύματα, hebr. etwa עֶלׅילוֹת.
  14. Also etwa Blutzeugen.
Empfohlene Zitierweise:

Hermann Gunkel (Übersetzer): Das vierte Buch Esra. Mohr Siebeck, Tübingen 1900, Seite 380. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DasVierteBuchEsraGermanGunkelKautzsch2.djvu/50&oldid=2233915 (Version vom 30.08.2014)