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unsere Heiligtümer verunehrt,
der Name, nach dem wir heißen[1], geschändet;
unsere Edlen[2] mit Schmach bedeckt,
unsere Priester verbrannt[3],
unsere Leviten gefangen;
unsere Jungfrauen befleckt,
unsere Weiber vergewaltigt;
’unsere Greise verunehrt‘[4],
unsere Gerechten fortgeführt;
unsere Kinder ’geraubt‘[5],
unsere Jünglinge zu Sklaven geworden[6]
und unsere Helden schwach.

23 Und schlimmer als alles dieses:

Dem Siegel[7] Zions ist jetzt seine Ehre versiegelt
und ist unseren Hassern in die Hand gegeben[8].
24 So schüttle deine tiefe Traurigkeit ab,
laß die Fülle der Schmerzen fahren,
daß der Allmächtige sich dir versöhne[9]
und der Höchste dir Ruhe schenke,
Trost von deinem Gram!
Zions Herrlichkeit.

25 Als ich noch so zu ihr sprach, siehe

da erglänzte ihr Angesicht plötzlich,
und ihr Aussehen[10] ward wie Blitzes Schein[11],

so daß ich vor großer Furcht nicht wagte, ’ihr nahe zu kommen, und sich mein Herz gewaltig entsetzte‘[12]. — ’Während ich noch‘[13] überlegte, was dies zu bedeuten habe, 26 schrie plötzlich mit lauter, furchtbarer Stimme, daß die Erde vor diesem Schrei erbebte. 27 Und als ich hinblickte, da war das Weib nicht mehr zu sehen, sondern eine ’erbaute‘[14] Stadt, und ein Platz zeigte sich mir auf[15] gewaltigen Fundamenten. Da erschrak ich[16] und schrie mit lauter Stimme und sprach: 28 Wo ist der Engel Uriel, der im Anfange zu mir gekommen war? Er selber hat mich ja in die Fülle dieser Schrecknisse gesandt;

nun ist meine Absicht vereitelt,
meine Bitte abgeschlagen[17]!

  1. Wir heißen „Gottes“ Volk.
  2. Syr Aeth Arm Ar² nobiles.
  3. Anspielung an den Brand des Tempels beim Fall Jerusalems.
  4. Ar² contemptu senibus nostris exhibito. Auch Syr scheint einen ähnlichen Satz gelesen zu haben.
  5. Aeth abrepti sunt; vgl. Ar¹.
  6. ἐδούλευσαν Volkmar.
  7. Wohl das Staatssiegel, Esther 3,10. 8,2; modern: Wappen, Banner.
  8. Das femininum resignata – tradita ist abhängig von σφραγίς (signaculum). — Im Hebräischen ein Wortspiel: הוֹתַם צׅיּוֹן כּי נֶחְתַּם מׅכְּבוֹדוֹ „es ist verschlossen, zurückgehalten, hinweg von ...“, d. h. es ist seiner Ehre beraubt.
  9. Denn aus dem Tode des Sohnes folgt, daß Gott zürnt.
  10. ὄψις (Hilg.).
  11. Diese Gestalt des verklärten „Weibes“ erinnert an die himmlische „Braut“, die das obere Jerusalem ist, Offenb. Joh. 21,9, und das „himmliche Weib“ Offenb. Joh. 12,1.
  12. Syr (Aeth Ar¹) et timui valde appropinqure ad eam et car meum vehementer obstupefactum erat; vgl. Arm.
  13. Syr et cum cogitarem.
  14. Syr civitas aedificata; vgl. Aeth (Ar¹.² Arm); Lat participium verbo finito reddit (Hilg.).
  15. ἀπὸ θεμελίων μεγάλων (Hilg.).
  16. Die folgende Schilderung des großen Schreckens vor der wunderbaren Verwandelung und des leidenschaftlichen Verlangens nach Deutung dieses Gesichts stellt höchst getreu die Erfahrungen solcher Ekstatiker dar. Ähnlich Hermas.
  17. inproperium = ὄνειδος = בּשֶׁת Beschämung. — Die Absicht und das Gebet war, etwas zu erfahren über Israels noch immer nicht erschienene Herrlichkeit 9,29-37. Der Prophet glaubt in seiner menschlichen Kurzsichtigkeit, dies Gebet sei ihm abgeschlagen, weil er das Gesicht nicht versteht; in Wirklichkeit aber ist dies Gebet ihm gerade eben durch das Gesicht erfüllt. Wiederum ein feinsinniger Zug.
Empfohlene Zitierweise:

Hermann Gunkel (Übersetzer): Das vierte Buch Esra. Mohr Siebeck, Tübingen 1900, Seite 388. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DasVierteBuchEsraGermanGunkelKautzsch2.djvu/58&oldid=1074079 (Version vom 13.04.2010)