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noch die beiden Häupter übrig; die herrschten nun selber über die Erde und ihre Bewohner. 35 Darnach schaute ich und siehe, das rechte Haupt verschlang das linke[1].

36 Da hörte ich eine Stimme, die zu mir sprach: Blicke gerade aus[2] und betrachte genau, was du schaust. 37 Da schaute ich, siehe da, es kam wie ein Löwe, der aus dem Walde mit Gebrüll hervorstürzt[3]; ich hörte, wie er Menschenstimme gegen den Adler von sich ließ. Er sprach aber also: 38 Höre, du Adler, so will ich zu dir reden. Der Höchste spricht zu dir: 39 Du bist ja das letzte der vier Tiere, die ich bestimmt hatte, daß sie in meiner Welt herrschen sollten, und daß durch sie das Ende meiner Zeiten kommen sollte. 40 ’Du aber‘, das vierte, das gekommen ist, ’hast‘[4] alle früheren Tiere überwunden,

’du hast‘ die Welt mit großem Schrecken,
’du hast‘[5] die ganze Erde mit schwerer Drangsal beherrscht;
’du hast‘[6] den Erdkreis so lange Zeit mit Trug bewohnt
41 und die Erde nicht mit Wahrheit gerichtet:
42 denn du hast die Sanftmütigen bedrückt
und die Friedfertigen vergewaltigt;
du hast die Wahrhaftigen gehaßt
und die Lügner geliebt;
du hast den Fruchtbringenden[7] die ’Burgen‘[8] zerstört
und denen, die dir nichts Böses gethan, die Mauern eingerissen. —
43 Aber dein Frevel ist vor den Höchsten,
deine Hoffart vor den Allmächtigen gekommen[9].
44 Da sah der Höchste seine Zeiten an:
siehe, sie waren zu Ende,
und seine Äonen: sie waren voll[10].
45 Darum wirst du Adler verschwinden
samt deinen schrecklichen Flügeln,
deinen bösartigen Flüglein,
deinen ruchlosen Häuptern,
deinen grausamen Klauen[11]
und deinem ganzen frevlerischen Leib!

46 So wird die ganze Welt, von deiner Gewalt befreit, erleichtert aufatmen, um den des Gerichtes und der Gnade ihres Schöpfers zu harren[12].

12 1 Während der Löwe diese Worte zum Adler sprach, 2 schaute ich, wie auch das letzte Haupt verschwand. Da richteten sich die beiden Flügel auf, die sich zu ihm begeben hatten, und erhoben sich, um zu herrschen; aber ihre Herrschaft war schwach und stürmisch. 3 Dann schaute ich, wie auch diese[13] verschwanden, und der ganze Leib des Adlers in Flammen aufging: da staunte die Erde gewaltig.

Die Deutung.

Da erwachte ich vor mächtigem Schrecken und großer Furcht, und ich sprach zu meinem Geiste: 4 Du hast mir dies eingebracht, weil du nach des Höchsten Wegen grübelst[14].


  1. Bisher eine mysteriös eingekleidete Beschreibung der Geschichte; von nun an folgt eine Beschreibung der Zukunft.
  2. נֶגְדְּךָ.
  3. נֵעוֹר.
  4. Syr tu autem ... devicisti; vgl. Arm Ar².
  5. Syr invaluisti super saeculum; vgl. Ar¹.² Arm.
  6. Syr inhabitasti.
  7. τῶν ἐπιδιδόντων v. Wilamowitz, wohl =·פֹרִיִּים.
  8. Syr (Aeth Ar¹.² Arm) arces.
  9. Jes. 37,29.
  10. Konstruktion wie 9,20.32. Der Sinn ist: die vorher festgestellte Zeit war verflossen; ebenso Gal. 4,4: ὅτε δὲ ἦλθεν τὸ πλήρωμα τοῦ χρόνου.
  11. In der nachfolg. Erklärung haben die Klauen keine besondere Bedeutung; der Verf. schaltet mit dem Stoff also ziemlich frei.
  12. D. h. nach den Weltreichen kommt das Reich Gottes.
  13. ipsa = πτερύγμα.
  14. Selbstcharakteristik des Verfassers.
Empfohlene Zitierweise:

Hermann Gunkel (Übersetzer): Das vierte Buch Esra. Mohr Siebeck, Tübingen 1900, Seite 392. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DasVierteBuchEsraGermanGunkelKautzsch2.djvu/62&oldid=1074083 (Version vom 13.04.2010)