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5 Nun aber ist meine Seele matt,
und mein Geist ganz geschwächt,

und keine Kraft ist mir geblieben wegen der großen Furcht, die diese Nacht über mich gekommen ist. 6 Darum will ich jetzt zum Höchsten beten, daß er mich kräftige bis zum Ende. 7 So sprach ich: Herr Gott, wenn ich Gnade vor deinen Augen gefunden habe, wenn ich bei dir vor vielen gerechtfertigt[1] bin, wenn mein Gebet wirklich vor dein Angesicht gekommen ist[2], 8 so kräftige mich und zeige deinem Knechte die Deutung und Erklärung dieses schrecklichen Gesichts und tröste meine Seele ganz[3]! 9 Du hast mich ja für würdig erachtet, mir das Ende der Zeiten und den Schluß der ’Stunden‘[4] zu zeigen.

10 Da sprach er zu mir: Dies ist die Deutung des Gesichts, das du gesehen hast. 11 Der Adler[5], den du vom Meer hast aufsteigen sehen, das ist das vierte Weltreich, das deinem Bruder Daniel im Gesicht erschienen ist[6]; 12 ihm freilich ist es nicht so gedeutet, wie ich dir jetzt deuten will oder schon gedeutet habe. — 13 Siehe, Tage kommen, da wird sich ein Reich über die Erde erheben, das wird furchtbarer[7] sein als[8] alle Reiche, die vor ihm gewesen sind. — 14 Darin werden zwölf Könige herrschen, einer nach dem anderen; 15 der zweite, der herrschen soll, der wird die längste Zeit unter den zwölfen innehaben. 16 Das ist die Deutung der zwölf Flügel, die du gesehen hast. — 17 Und wenn du die Stimme, die gesprochen hat, nicht aus seinen Häuptern, sondern mitten aus seinem Leibe hervorgehen hörtest, 18 so ist dies die Deutung: ’mitten während‘[9] der Zeit dieses Reichs werden gewaltige Streitigkeiten entstehen, und es wird in Gefahr kommen, zu fallen; aber zu jener Zeit wird es noch nicht fallen, sondern wieder zu seiner ursprünglichen Macht[10] gelangen. — 19 Und wenn du acht Gegen-Flügel gesehen hast, die neben den [Haupt-]Flügeln entstanden waren[11], 20 so ist dies die Deutung: es werden sich darin acht Könige erheben, deren Zeiten flüchtig, deren Jahre schnell vorübergehen; zwei davon gehen schon zu Grunde, 21 wann die Mitte [des Reiches][12] naht; vier werden für jene Zeit aufgespart, wann seine Stunde, da es endigt, herannaht, zwei aber werden fürs Ende selber aufgespart. — 22 Wenn du drei Häupter hast ruhen sehen, 23 so bedeutet das: um sein Ende wird der Höchste drei ’Könige‘[13] erwecken, ’die werden‘[14] darinnen[15] vieles erneuern und über die Erde 24 und über ihre Bewohner zu großem Unheil herrschen, mehr als alle, die vor ihnen gewesen sind. Deshalb heißen sie Häupter des Adlers, 25 weil[16] sie es sein werden, die seine Frevel auf den Hauptpunkt bringen[17] und sein Äußerstes vollführen. — 26 Wenn du das große Haupt hast verschwinden sehen: der erste von ihnen wird auf seinem Bette sterben, aber doch unter Qualen. 27 Die beiden Übrigen aber wird das Schwert fressen. 28 Denn des Ersten Schwert wird den Andern fressen; doch wird auch dieser in der letzten Zeit durchs Schwert fallen. — 29 Wenn du zwei Gegen-Flügel zu[18] dem rechten Haupt hast hinübergehen


  1. Vgl. Luk. 18,14.
  2. Bezieht sich auf 6,32 zurück.
  3. Halb ist Esra schon durch das Ziongesicht getröstet.
  4. Syr Ar¹ Arm haben Wechsel im Ausdruck.
  5. ὃν εἶδες ἀετόν (Hilg.).
  6. Dan. 7,7f.
  7. timoratior zu beziehen auf regnum = βασιλεία.
  8. Zum Genetiv vgl. 5,13.
  9. Aeth de medio corporis regui illius; Syr inter tempus regni illius; vgl. Ar¹.² Arm. Diese Allegorie paßt nicht ganz zum Stoffe.
  10. initium = ἀρχή Macht, vom Lat falsch wiedergegeben (Volkmar).
  11. Arm pullulantes circa magnas alas eius = συμφυέντες ταῖς πτέρυξιν αὐτοῦ (Hilg.).
  12. So ist medium tempus nach dem Folgenden zu fassen; nicht etwa als „Zwischenzeit“ (gegen Schürer), was indes der Sache nach auf dasselbe hinauskommt.
  13. Syr Aeth Ar¹.² Arm reges = βασιλεῖς, Lat regem = βασιλείας (Volkmar).
  14. Syr Aeth Arm et renovabunt; vgl. Ar².
  15. in ea, sc. βασιλείᾳ.
  16. Vgl. 13,19.53.
  17. Ein Wortspiel: sie heißen mit Recht κεφαλαί, denn ihr Beruf ist es, zu ἀνακεφαλειοῦν (Volkmar). ἀνακεφαλειοῦν ist sicherlich ein apokalyptischer Terminus: am Ende der Weltgeschichte wird alles gegenwärtig zerstreute und vereinzelte Böse und ebenso auch das Gute zusammengefaßt.
  18. ἐπὶ τὴν κεφαλήν (Hilg.).
Empfohlene Zitierweise:

Hermann Gunkel (Übersetzer): Das vierte Buch Esra. Mohr Siebeck, Tübingen 1900, Seite 393. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DasVierteBuchEsraGermanGunkelKautzsch2.djvu/63&oldid=2236988 (Version vom 7.09.2014)