Seite:DasWesenDesChristentums.djvu/015

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schlage, um so mehr treten mir die zeitgeschichtlichen Spannungen, in denen das Evangelium gestanden hat und aus denen es hervorgetreten ist, zurück. Ich zweifle nicht, daß schon der Stifter den Menschen ins Auge gefaßt hat, in welcher äußeren Lage er sich auch immer befinden mochte – den Menschen, der im Grunde stets derselbe bleibt, mag er sich auf einer auf- oder absteigenden Linie bewegen, mag er im Reichtum sitzen oder in Armut, mag er stark oder schwach sein im Geiste. Das ist die Souveränetät des Evangeliums, daß es letztlich alle diese Gegensätze unter sich weiß und über ihnen steht; denn es sucht in jedem den Punkt auf, der von allen diesen Spannungen nicht betroffen wird. Bei Paulus ist das ganz klar – wie ein König beherrscht er innerlich die irdischen Dinge und Verhältnisse und will sie so beherrscht sehen. Jene These von dem decadenten Zeitalter und der Religion der Elenden mag geeignet sein, in einen äußeren Vorhof einzuführen; sie mag auch richtig auf ursprünglich Formgebendes hinweisen; wenn sie sich aber als Schlüssel für das Verständnis dieser Religion selbst anbietet, ist sie abzulehnen. Sie ist übrigens mit diesem Anspruch nur die Anwendung einer allgemeinen geschichtlichen Mode, die freilich länger in der Geschichtschreibung herrschen wird als andere Moden, weil mit ihren Mitteln in der That manches Dunkle erhellt werden kann. Aber an den Kern der Sache reichen ihre Jünger nicht heran, im stillen mutmaßend, daß es einen solchen Kern überhaupt nicht giebt.


Zum Schluß lassen Sie mich noch einen wichtigen Punkt kurz berühren: absolute Urteile vermögen wir in der Geschichte nicht zu fällen. Dies ist eine Einsicht, die uns heute – ich sage mit Absicht: heute – deutlich und unumstößlich ist. Die Geschichte kann nur zeigen, wie es gewesen ist, und auch, wo wir das Geschehene durchleuchten, zusammenfassen und beurteilen, dürfen wir uns nicht anmaßen, absolute Werturteile als Ergebnisse einer rein geschichtlichen Betrachtung abstrahieren zu können. Solche schafft immer nur die Empfindung und der Wille; sie sind eine subjektive That. Die Verwechslung, als könnte die Erkenntnis sie erzeugen, stammt aus jener langen, langen Epoche, in der man vom Wissen und der Wissenschaft alles erwartete, in der man glaubte, man könne diese so ausdehnen, daß sie alle Bedürfnisse des Geistes und Herzens umspannt und befriedigt. Das vermag sie nicht.

Empfohlene Zitierweise:

Adolf von Harnack: Das Wesen des Christentums. J. C. Hinrichs, Leipzig 1900, Seite 011. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DasWesenDesChristentums.djvu/015&oldid=2145543 (Version vom 26.01.2014)