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Person Jesu, welches Licht und welche Wärme das Evangelium entbunden hat.

Vor sechzig Jahren glaubte David Friedrich Strauß, die Geschichtlichkeit auch der drei ersten Evangelien fast in jeder Hinsicht aufgelöst zu haben. Es ist der historisch-kritischen Arbeit zweier Generationen gelungen, sie in großem Umfange[AU 1] wiederherzustellen. Allerdings, auch diese Evangelien sind nicht Geschichtswerke; sie sind nicht geschrieben, um einfach zu berichten, wie es gewesen, sondern sie sind Bücher für die Evangelisation. Ihre Absicht ist, Glauben an die Person und Mission Jesu Christi zu erwecken, und die Schilderung seiner Reden und Thaten sowie die Zurückbeziehung auf das Alte Testament dient diesem Zwecke. Dennoch sind sie als Geschichtsquellen nicht unbrauchbar, zumal da ihr Zweck kein von außen entlehnter ist, sondern mit den Absichten Jesu zum Teil zusammenfällt. Was man aber sonst noch als große leitende Tendenzen den Evangelisten zugeschrieben hat, hat sich samt und sonders nicht bewährt, wenn auch im einzelnen noch manche Nebenabsichten gewaltet haben mögen. Die Evangelien sind keine „Parteischriften“, und ferner, sie sind auch noch nicht durchgreifend von dem griechischen Geiste bestimmt. Sie gehören ihrem wesentlichen Inhalte nach noch der ersten, jüdischen Epoche des Christentums an, jener kurzen Epoche, die wir als die paläontologische bezeichnen können. Es ist eine der dankenswertesten Fügungen der Geschichte, daß wir noch Berichte aus dieser Zeit besitzen, wenn auch die Fassung und Niederschrift, wie sie in dem ersten und dritten Evangelium[AU 2] vorliegt, sekundär sind. Der einzigartige Charakter der Evangelien ist heute von der Kritik allgemein anerkannt. Vor allem heben sie sich durch die Art der Erzählung von aller nachfolgenden Schriftstellerei ab. Diese litterarische Gattung, teils nach Analogie der jüdischen Lehrer-Erzählungen, teils durch das katechetische Bedürfnis gestaltet, diese so einfache und eindrucksvolle Form der Darstellung konnte schon nach einigen Jahrzehnten nicht mehr rein reproduziert werden. Seitdem das Evangelium auf den weiten griechisch-römischen Boden übergetreten war, eignete es sich die litterarischen Formen der Griechen an, und man empfand nun den Evangelienstil als etwas Fremdes, aber Erhabenes. Liegt doch die griechische Sprache gleichsam nur wie ein durchsichtiger Schleier über diesen Schriften, deren Inhalt sich auch mit leichter Mühe in das Hebräische oder Aramäische zurückübertragen läßt. Daß

Anmerkungen des Autors (1908)

  1. „in großem Umfange“ – ist mißverständlich, wenn es rein quantitativ verstanden wird; aber in der dem Matthäus und dem Lukas gemeinsamen Quelle sowie in zahlreichen Abschnitten des Markus besitzen wir allerdings umfangreiche und wesentlich zuverlässige Sammlungen von Sprüchen und Taten Jesu (s. meine Schrift über die Sprüche und Reden Jesu, Leipzig, 1907).
  2. „in dem ersten und dritten Evangelium“ – auch das zweite Evangelium kann man hier hinzufügen, sofern sein Verfasser zwar wahrscheinlich eine bekannte jerusalemische Persönlichkeit des apostolischen Zeitalters gewesen ist, aber kein Augenzeuge des Lebens Jesu. Er hat auch keineswegs nur apostolische Erinnerungen wiedergegeben, sondern in größerem Umfang aus einer bereits kurrenten Überlieferung geschöpft.
Empfohlene Zitierweise:

Adolf von Harnack: Das Wesen des Christentums. J. C. Hinrichs, Leipzig 1900, Seite 014. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DasWesenDesChristentums.djvu/018&oldid=1148269 (Version vom 21.06.2010)