Seite:DasWesenDesChristentums.djvu/027

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Wechseln zu: Navigation, Suche
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

gesprochen wie ein Schwärmer und Fanatiker, der nur einen rotglühenden Punkt sieht und dem die Welt und alles, was in ihr ist, deshalb verschwindet. Er hat seine Predigten gesprochen und in die Welt geschaut mit dem frischen und hellen Auge für das große und kleine Leben, das ihn umgab. Er verkündigte, daß der Gewinn der ganzen Welt nichts bedeute, wenn die Seele Schaden nähme, und er ist doch herzlich und teilnehmend geblieben für alles Lebendige. Das ist das Erstaunlichste und Größte! Seine Rede, gewöhnlich in Gleichnisse und Sprüche gefaßt, zeigt alle Grade menschlicher Rede und die ganze Stufenleiter der Affekte. Die härtesten Töne leidenschaftlicher Anklage und zornigen Gerichts, ja selbst die Ironie, verschmäht er nicht; aber sie müssen doch die Ausnahme gebildet haben. Eine stille, gleichmäßige Sammlung, alles auf ein Ziel gerichtet, beherrscht ihn. In der Ekstase spricht er niemals,[AU 1] und den Ton aufgeregter Prophetenrede findet man selten. Mit der größten Mission betraut, bleibt sein Auge und Ohr für jeden Eindruck des Lebens um ihn offen – ein Beweis intensiver Ruhe und geschlossener Sicherheit. „Trauern und Weinen, Lachen und Hüpfen, Reichtum und Armut, Hunger und Durst, Gesundheit und Krankheit, Kinderspiel und Politik, Sammeln und Zerstreuen, Abreise vom Haus, Herberge und Heimkehr, Hochzeit und Totentrauer, der Luxusbau der Lebenden und das Grabmal des Toten, der Säemann und der Schnitter auf dem Felde, der Winzer in den Reben, die müßigen Arbeiter auf den Märkten, der suchende Hirt auf dem Felde, der Perlen handelnde Kaufmann auf der See und wieder daheim die Sorge des Weibes um Weizenmehl und Sauerteig oder um eine verlorene Drachme, die Klage der Witwe vor dem mürrischen Amtmann, die irdische Speise und ihr Vergehen, das geistige Verhältnis von Lehrer und Schüler; hier Königsglanz und Herrschsucht der Machthaber, dort Kindesunschuld und Dienerfleiß – all diese Bilder beleben seine Reden und machen sie anschaulich auch für Kinder am Geist.“[WS 1] Sie sagen mehr als nur dies, daß er in Bildern und Gleichnissen gesprochen hat. Sie zeigen eine innere Freiheit und Heiterkeit der Seele inmitten der höchsten Anspannung, wie sie kein Prophet vor ihm besessen hat. Sein Auge weilt freundlich auf den Blumen und Kindern, auf der Lilie des Feldes – Salomo in aller seiner Pracht ist nicht also bekleidet gewesen – auf den Vögeln unter dem Himmel und den Sperlingen auf dem Dach. Das Überweltliche, in dem er lebte,

Anmerkung des Autors (1908)

  1. „in der Ekstase spricht er niemals“ – aber ein visionäres Element ist nicht auszuschließen, wenn die Erzählung von der Versuchung auf Jesu selbst zurückzuführen ist, s. auch Luk. 10,18; aber dieser für sich allein stehende Spruch ist schwerlich echt, und die Versuchungsgeschichte kann auch anders entstanden sein.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Paul Wilhelm Schmidt (1845–1917), Die Geschichte Jesu, Freiburg 1899, S. 53 (mit kleinen unwesentlichen Änderungen zitiert).
Empfohlene Zitierweise:

Adolf von Harnack: Das Wesen des Christentums. J. C. Hinrichs, Leipzig 1900, Seite 023. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DasWesenDesChristentums.djvu/027&oldid=1148284 (Version vom 21.06.2010)