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Vierte Vorlesung.




Wir haben zuletzt von der Predigt Jesu gesprochen, sofern sie Verkündigung des Reiches Gottes und seines Kommens gewesen ist. Wir haben gesehen, daß diese Verkündigung alle Aussagen und Formen durchläuft von der alttestamentlich gefärbten, prophetischen Ankündigung des Gerichtstages bis zu dem Gedanken eines jetzt beginnenden innerlichen Kommens des Reichs. Wir haben endlich zu zeigen versucht, warum die letztere Vorstellung für die übergeordnete zu halten ist. Bevor ich auf sie etwas näher eingehe, möchte ich aber noch auf zwei besonders wichtige Aussagen hinweisen, die zwischen den Polen „Gerichtstag“ und „Innerliches Kommen“ liegen.

Erstlich, das Kommen des Reiches Gottes bedeutet die Zerstörung des Reichs des Teufels und die Überwindung der Dämonen. Sie herrschen bisher; sie haben von den Menschen, ja von den Völkern Besitz genommen und zwingen sie, ihnen zu Willen zu sein. Jesus erklärt aber nicht nur, daß er gekommen sei, die Werke des Teufels zu zerstören, sondern er treibt auch thatsächlich die Dämonen aus und befreit die Menschen von ihnen.

Gestatten Sie mir hier einen kleinen Exkurs. Nichts berührt uns in den Evangelien fremder als die Dämonengeschichten, die sich so häufig in ihnen finden und auf welche die Evangelisten ein so hohes Gewicht gelegt haben. Mancher unter uns lehnt jene Schriften schon deshalb ab, weil sie solche unverständige Dinge berichten. Hier ist es nun wichtig zu wissen, daß sich ganz ähnliche Erzählungen in vielen Schriften jener Zeit finden, in griechischen, römischen und jüdischen. Die Vorstellung der „Besessen

Empfohlene Zitierweise:

Adolf von Harnack: Das Wesen des Christentums. J. C. Hinrichs, Leipzig 1900, Seite 037. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DasWesenDesChristentums.djvu/041&oldid=1148530 (Version vom 21.06.2010)