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Fünfte Vorlesung.




Am Schlusse der letzten Vorlesung habe ich auf die Seligpreisungen verwiesen und in Kürze angedeutet, daß sie in besonders eindrucksvoller Weise die Religion Jesu darstellen. Ich möchte Sie an eine andere Stelle erinnern, welche zeigt, daß Jesus in der Übung der Nächstenliebe und Barmherzigkeit die eigentliche Bethätigung der Religion erkannt hat. In einer seiner letzten Reden hat er vom Gericht gesprochen und in einem Gleichnisse es anschaulich gemacht, nämlich in dem Gleichnisse vom Hirten, der die Schafe und die Böcke scheidet. Den einzigen Scheidungsgrund aber bildet die Frage der Barmherzigkeit. Sie wird in der Form aufgeworfen, ob die Menschen Ihn selbst gespeist, getränkt und besucht haben, d. h. sie wird als religiöse Frage gestellt; die Paradoxie wird dann aufgehoben in dem Satze: „Was ihr dem Geringsten unter meinen Brüdern gethan habt, das habt ihr mir gethan.“[WS 1] Deutlicher kann man es nicht vor die Augen malen, daß im Sinne Jesu Barmherzigkeit das Entscheidende ist, und daß die Gesinnung, in der sie geübt wird, auch die richtige religiöse Haltung verbürgt. Inwiefern? Weil die Menschen in der Übung dieser Tugend Gottes Nachahmer sind: „Seid barmherzig wie euer Vater im Himmel barmherzig ist.“[WS 2] Das Majestätsrecht Gottes übt, wer Barmherzigkeit übt; denn Gottes Gerechtigkeit vollzieht sich nicht nach der Regel: „Auge um Auge, Zahn um Zahn“[WS 3], sondern steht unter der Macht seiner Barmherzigkeit.

Lassen Sie uns einen Augenblick hier verweilen: es war ein ungeheurer Fortschritt in der Geschichte der Religion, es war eine

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Mt 25,40.
  2. Lk 6,36.
  3. Mt 5,38.
Empfohlene Zitierweise:

Adolf von Harnack: Das Wesen des Christentums. J. C. Hinrichs, Leipzig 1900, Seite 048. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DasWesenDesChristentums.djvu/052&oldid=1148300 (Version vom 21.06.2010)