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Freude an frischer Thätigkeit, und jene idealen Güter lägen ganz außerhalb seines Gesichtskreises. In seinem letzten, verhängnisvollen Buche: „Der alte und der neue Glaube“[WS 1] hat David Friedrich Strauß diesem Vermissen einen besonders herben Ausdruck verliehen. Er spricht von einem fundamentalen Mangel im Evangelium und hält es schon deshalb für veraltet und unbrauchbar, weil es keine Fühlung mit der Kultur und ihrem Fortschritt habe. Lange vor Strauß hat hier aber bereits der Pietismus etwas Ähnliches empfunden und einen eigentümlichen Ausweg gesucht. Die Pietisien gingen davon aus, Jesus müsse direktes Vorbild sein können für alle Menschen, welchem Berufe auch immer sie dienen mögen; er müsse sich in allen menschlichen Verhältnissen bewährt haben. Sie gaben nun zu, daß bei flüchtiger Betrachtung diese Forderung in dem Leben Jesu nicht erfüllt sei; aber sie meinten, wenn man genauer zusähe, fände man, daß er wirklich der beste Maurer, der beste Schneider, der beste Richter, der beste Gelehrte u. s. w. gewesen sei und alles am vorzüglichsten gewußt und verstanden habe. Sprüche und Thaten Jesu drehten und wendeten sie so lange, bis sie das Gewünschte aussagten und bestätigten. Das war ein kindliches Unternehmen, aber das Problem, welches sie empfanden, war ein ernsthaftes: sie selbst fühlten sich durch Gewissen und Beruf an eine bestimmte Thätigkeit und Aufgabe gebunden; sie waren sich darüber klar, daß sie keine Mönche werden sollten; aber sie wollten doch die Nachfolge Christi in vollem Sinne üben; also muß er in denselben Verhältnissen gestanden haben wie sie selbst, und sein Horizont muß derselbe gewesen sein wie der ihrige.

Wir haben hier denselben Fall, nur erweitert, den wir im vorigen Abschnitt behandelt haben: immer wieder entsteht der Irrtum, als bezöge sich das Evangelium auf irdische Verhältnisse und müsse gesetzliche Vorschriften für sie geben. Zugleich waltet hier die alte und fast unausrottbare Neigung der Menschen, sich ihrer Freiheit und Verantwortlichkeit in höheren Dingen zu entäußern und sich einem Gesetze zu unterwerfen. Es ist in der That viel bequemer, unter irgend einer Autorität, sei es auch der härtesten, zu leben als in der Freiheit des Guten. Doch davon abgesehen – es bleibt noch immer die Frage übrig: Fehlt dem Evangelium nicht wirklich etwas, weil es für die Berufsarbeit so wenig Teilnahme verrät, und weil es keinen Kontakt hat mit dem „Humanen“ im Sinne der Wissenschaft, der Kunst und der Kultur überhaupt?


  1. David Friedrich Strauß, Der alte und der neuen Glaube. Ein Bekenntnis (Gesammelte Schriften, hg. v. Eduard Zeller, Band 6), 11. Auflage, Bonn 1881.
Empfohlene Zitierweise:

Adolf von Harnack: Das Wesen des Christentums. J. C. Hinrichs, Leipzig 1900, Seite 075. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DasWesenDesChristentums.djvu/079&oldid=1105564 (Version vom 17.05.2010)