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grosses Stück Aufmerksamkeit, macht sie zu Alleinherrschern, Selbstherrschern, zu Herren ihrer Eltern, die sich ihnen mit einer oft sehr kurzsichtigen Liebe hingeben: ‚Bei einem Kinde ist man sein Sclave, bei sechsen ihr Herr‘. Ihr Grundsatz ist, dass man dem Liebling allen Willen thun muss. Die Bequemlichkeit der Eltern kommt bei diesem Verwöhnungssystem ebenso auf ihre Kosten wie die Affenliebe.

In einer zahlreichen Familie hingegen liegt das An-andere-denken in der Luft, Rücksichtnahme und Solidarität werden dort practisch gelehrt. Die Charactere stählen und schleifen sich gegenseitig ab. Die Antheile des Einzelnen sind kleiner, seine Ansprüche naturgemäss geringer, die Schätzung der eigenen Person wird durch Vergleich auf das richtige Maass herabgesetzt. Eine grosse Familie ist eine kleine Republik, die auf das praktische Leben vorbereitet.

Der einzige Sohn, die einzige Tochter hingegen wachsen als anspruchsvolle Autokraten in einer unnatürlichen Umgebung auf, und nur am Tischlein deck dich können sie noch ihr Genügen finden. Sie sind vollendete Individualisten, Egoisten, die, nur auf sich bedacht, geringen socialen Werth und schwachen nationalen Nutzen haben.

Für den Sohn lässt diese Erziehungsweise sich dahin zusammenfassen: „Mein Kind, Du kannst auf Deine Eltern rechnen. Sieh, wie wir für Deine Zukunft sparen! Zähle auch auf unsere Verwandtschaft, unsere Freunde, die Dich empfehlen, protegiren, vorwärts bringen werden! Rechne auch auf die Regierung, die zahlreiche Stellen vergiebt. Es müsste seltsam zugehen, wenn Du nicht eine erlangen solltest. Da diese Stellen aber nicht immer genügend tragen und es gut ist, zum Brod auch Butter zu haben, sollst Du eine reiche Frau heirathen. Das ist unsere Sache, überlass uns diese Mühe, wir finden Dir die Erbin.“

Als ich dies Vorwort schon geschrieben hatte, bin ich in seltsamer Weise überrascht worden. Durch Zufall ist mir ein Buch in die Hand gekommen, das den Titel trägt: „Aufruhr der Weiber und das dritte Geschlecht“; 3. Auflage; Leipzig, W. Friedrich. Am Schlusse steht: „Verfasst von Elsa Asenijeff“. Eine Jahreszahl fehlt, aber aus einer Angabe im Texte geht hervor, dass die mir vorliegende dritte Auflage vor 1900 erschienen

Empfohlene Zitierweise:

Paul Julius Möbius: Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes. 5. veränderte Auflage. Marhold , Halle a. S. 1903, Seite 12. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_%C3%9Cber_den_physiologischen_Schwachsinn_des_Weibes_(M%C3%B6bius).djvu/12&oldid=1997120 (Version vom 5.05.2013)