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Tagen wie heute steigt ein banges Seufzen aus der blauen Tiefe.


P.S. New York.

Die ganze Überfahrt ist so glatt und still geblieben – wie eine wohltuende Pause im Leben, eine sechs Tage lange Parenthese! Wie Musik schläferte das Rauschen der langen, trägen Wogen manch alten Schmerz ein. – Musik und weite Reisen sind so recht, was wir arme moderne Menschen brauchen, denn sie beruhigen und lehren vergessen. Während das Schiff unaufhaltsam weiter glitt, hatte ich beständig die Empfindung, daß etwas Furchtbares, das lange Zeiten Gewalt über mich gehabt, nun endlich und für immer hinter mir zurückblieb. – Wie vielen ist diese selbe Reise über den Atlantischen Ozean schon eine Flucht gewesen vor der Vergangenheit! Auch ich hatte das Gefühl des Entfliehens und Abschüttelns. – Als ob Schranken und Fesseln gefallen seien, war mir, als ich heute früh erwachte, und da stand sie auch schon auf ihrem Felsen, die riesengroße Freiheit, die den Belasteten aller Länder mit ihrer Leuchte Hoffnung zuzuwinken scheint.

Die Freiheit als Wahrzeichen eines Weltteils und als Willkommen für alle aufzustellen – das macht den Amerikanern doch niemand nach!



Empfohlene Zitierweise:

Elisabeth von Heyking: Briefe, die ihn nicht erreichten. Verlag von Gebrüder Paetel, Berlin 1903, Seite 178. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Briefe_die_ihn_nicht_erreichten_Heyking_Elisabeth_von.djvu/179&oldid=1214487 (Version vom 26.08.2010)