Seite:De Briefe die ihn nicht erreichten Heyking Elisabeth von.djvu/22

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Waldespfaden sprach, wenn wir zusammen nach der Hitze des Tages auf die Pekinger Stadtmauer stiegen und auf diesem einzigen reinlichen Weg der chinesischen Kaiserstadt auf und ab gingen. Die Stadt lag tief unter uns, all die einstöckigen Häuser eintönig grau mit aufwärts geschweiften Dächern, auf deren Kanten Reihen kleiner Steinhunde sitzen. In die Höfe der nächstgelegenen Häuser konnten wir von oben hinein schauen und was wir sahen, waren immer dieselben uns unverständlichen Wesen, die dasselbe Dasein führten, das seit Jahrtausenden ihnen ähnliche Wesen genau ebenso geführt haben. In den Straßen war immer dasselbe Gewühl zahlloser Menschen, die unseren Augen so rätselhaft in ihrer Gleichheit und Einförmigkeit erschienen, deren elfenbeinerne Stirnen wie geschlossene Tore waren, von Welten, in die wir nie eindringen werden. Jahr aus, Jahr ein zog dies Gewühl von Menschen durch die Straßen, die monatelang voll dicken, schwarzen, klebrigen Schlamms lagen, und die übrige Zeit des Jahres in dichten, grauen Staubwolken verschwanden. Und niemand rührte die Hand, etwas zu ändern, etwas zu verschönern. Denn es war ja von jeher so gewesen; niemand hatte es je anders und besser gekannt; niemanden störte es – vor allem niemanden von denen, die hinter den roten Mauern, unter den

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Elisabeth von Heyking: Briefe, die ihn nicht erreichten. Verlag von Gebrüder Paetel, Berlin 1903, Seite 21. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Briefe_die_ihn_nicht_erreichten_Heyking_Elisabeth_von.djvu/22&oldid=1196879 (Version vom 11.08.2010)