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Beständig schweifen die Gedanken zurück zu den verflossenen Jahren. Das Pekinger Häuschen, das Sie uns zu mieten und einzurichten halfen, sehe ich immer wieder vor mir. Mit Mauern umfriedet lag es in der Straße hinter den Gesandtschaften nahe am Hatamen, dort, wo die großen Bäume stehen. Des kleinen Hofes mit der riesigen, verwitterten Steinschildkröte, und der Wistaria mit den hell lila Blütendolden gedenke ich und der vielen Abende, die wir unter dem alten Baume sitzend dort verbrachten. Der Wind spielte in den Zweigen und leise fielen die blassen Blüten auf uns herab. Eine verspätete Biene flog summend durch den Hof. Von jenseits der Mauer drangen die seltsamen, abendlichen Rufe der Verkäufer, die durch die Straßen zogen, aus der großen, grauen Stadt zu uns – Töne aus einer Welt, von der wir allmählich einige kleine Äußerlichkeiten zu unterscheiden lernten, deren Geist und innerstes Wesen uns doch ewig fremd und rätselhaft bleiben werden. Und beklemmend wurde in solchen Stunden das Gefühl unendlicher Ferne und Weite. Einer Last gleich legte es sich auf das Herz. Ein traumhaftes Empfinden der Angst, im Raum verloren, durch unabsehbare Entfernung und unendliche Zeiten von allem getrennt zu sein, das früher einmal unsere Welt gewesen.

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Elisabeth von Heyking: Briefe, die ihn nicht erreichten. Verlag von Gebrüder Paetel, Berlin 1903, Seite 222. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Briefe_die_ihn_nicht_erreichten_Heyking_Elisabeth_von.djvu/223&oldid=1213640 (Version vom 26.08.2010)