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besonderen Einfluß auf die weißen Männer: entweder sie werden dort chinesischer als die Chinesen und zu leidenschaftlichen Freunden und Verteidigern Chinas, wie die meisten Dolmetscher, Zollbeamten und Diplomaten der alten Schule, oder, und das sind die Jüngeren, sie werden von einem Taumel des Übermenschtums erfaßt, der in einer grenzenlosen Verachtung alles Chinesischen wurzelt. Sie predigen, man solle zugreifen, sich nehmen, was man brauche, einzig das tun, was die eigene Herrenmoral fordere, denn so allein könnten Nationen und einzelne groß werden. Der Kern der Sache ist, sie trachten danach, einem anderen unrechtmäßigerweise etwas fortzunehmen. Dazu werden die großen Worte »Patriotismus, Expansion, neue Absatzgebiete, Stützpunkte« ausgekramt – und dazu drapieren sich ganz harmlose Bureaukratenseelen als Cesar Borgias, als Schüler Macchiavellis und Nietzsches. Aber das Herrentum läßt sich nur improvisieren, so lange man ausschließlich mit Chinesen zu tun hat; wird die Lage ernster, stehen hinter dem Chinesen Mächtigere, dann tritt eine sehr unherrenmäßige Nervosität an die Stelle der Kraftmenschpose. – Trotz allem, was darüber gesagt wird, sind wir eben keine Generation der Übermenschen. Wir sind Zweifler, Spötter, Unzufriedene – zum Übermenschtum fehlt uns das

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Elisabeth von Heyking: Briefe, die ihn nicht erreichten. Verlag von Gebrüder Paetel, Berlin 1903, Seite 34. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Briefe_die_ihn_nicht_erreichten_Heyking_Elisabeth_von.djvu/35&oldid=1196865 (Version vom 11.08.2010)