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Liste.png Carl Hau: Das Todesurteil. Die Geschichte meines Prozesses.

ja. Das Essen wurde geholt, aber es war so wenig appetitlich, daß ich bat, es einem hungrigen Leidensgefährten überlassen zu dürfen. So ließ der Inspektor mit lauter Stimme den Aufruf ergehen: „Wer hat denn von euch den größten Hunger?“ Unter den Kandidaten befand sich auch der alte Irländer; ich beantragte, daß ihm der Preis zuerkannt werde in Anbetracht dessen, daß er so sehr zur allgemeinen Erheiterung beigetragen hatte.

Der Arzt, ein älterer Herr von gütigem Wesen, nahm es mit der Untersuchung ernst, klopfte und horchte lange an mir herum und stellte einen Bronchialkatarrh fest. Als er hörte, daß ich vor einigen Jahren lungenkrank gewesen sei, brachte er das Stethoskop nochmals in Tätigkeit. Er hoffe, daß der Aufenthalt im Gefängnis keine gesundheitsschädlichen Folgen für mich haben möge. „Sie sind Amerikaner?“

„Deutschamerikaner.“

„Rechtsanwalt?“

„Ja.“

„Ich sehe hier, daß Sie wegen Mords verhaftet sind. Fühlen Sie sich schuldig?“

„Nein, ich bin unschuldig.“ Ich schilderte ihm mit einigen Worten meine Lage.

Er hörte aufmerksam zu und sagte dann: „Sie können sich denken, daß unsereins im allgemeinen Unschuldsbeteuerungen gegenüber mehr als skeptisch ist. Aber es gibt natürlich Ausnahmen. Wenn Sie wirklich unschuldig sind, wird man Sie nicht ausliefern.“

„Die Indizien sind so schwer, daß die Auslieferung nicht zu verhüten sein wird. Ich will ihr auch gar keinen Widerstand entgegensetzen, denn verantworten vor dem zuständigen Gericht muß ich mich auf alle Fälle.“

Er wiegte nachdenklich den Kopf hin und her. „Die deutschen Gerichte sind dafür bekannt, daß sie lieber verurteilen als freisprechen. Ihr Fall interessiert mich. Wenn es Ihnen recht ist,

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Carl Hau: Das Todesurteil. Die Geschichte meines Prozesses.. Ullstein, Berlin 1925, Seite 28. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Das_Todesurteil_(Hau).djvu/29&oldid=1183902 (Version vom 27.07.2010)