Seite:De Das Todesurteil (Hau).djvu/80

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Wechseln zu: Navigation, Suche
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Liste.png Carl Hau: Das Todesurteil. Die Geschichte meines Prozesses.

Nach Ablauf einiger Wochen erhielt ich den Besuch meines Verteidigers. Er war auf der Durchreise nach Italien, wo er sich einige Zeit erholen wollte. Er sagte, er habe den Geheimrat aufgesucht, um von ihm zu erfahren, wie das Gutachten voraussichtlich ausfallen würde, aber der habe es abgelehnt, im gegenwärtigen Zeitpunkt sich zu äußern. Er denke auf jeden Fall noch ein zweites Gutachten einzuholen und werde sich zu diesem Zwecke an Professor Aschaffenburg in Köln wenden. Ich protestierte. Noch einmal sechs Wochen in eine Irrenanstalt! Ich hatte genug an dieser. Darauf erwiderte er, ein nochmaliger Aufenthalt in einer Klinik sei nicht erforderlich, der Professor werde mich im Untersuchungsgefängnis besuchen und sich auf Grund dieser Besuche und des Aktenstudiums ein Urteil bilden.

„Wo reisen Sie hin?“ fragte ich ihn, als er sich verabschiedete.

„Nach Santa Margherita.“

„Santa Margherita!“ rief ich aus. „Santa Margherita Ligure?“

„Ja, an der ligurischen Küste, bei Rapallo. Kennen Sie es?“

Und ob ich es kannte! Ein merkwürdiger Zufall. In diesem kleinen Städtchen lag eine der Wurzeln des Unglücksbaumes, dessen bittere Frucht jetzt reif geworden war. Aber davon stand nichts in den Akten. Dr. Dietz sah mich neugierig an.

Ich gab einen ausweichenden Bescheid und fragte dann: „Haben Sie immer noch die Absicht, auf Totschlag zu plädieren?“

„Ich sehe keine andere Möglichkeit. Hoffentlich lautet das Gutachten des Geheimrats wenigstens auf verminderte Zurechnungsfähigkeit. Das Gesetz kennt den Begriff zwar eigentlich nicht, aber es ließe sich doch etwas damit machen. Wenn Sie an dem 6. November ganz normal waren, ist das Todesurteil so gut wie sicher. Doch da fällt mir ein, ich habe schon bisweilen den Gedanken gehabt, es könnte hier ein Fall von aberratio ictus vorliegen.“

Aberratio ictus? Was ist denn das?“ Ich hatte den Ausdruck wirklich noch nie gehört. Doch begriff ich natürlich sofort, was er meinte.

Empfohlene Zitierweise:

Carl Hau: Das Todesurteil. Die Geschichte meines Prozesses.. Ullstein, Berlin 1925, Seite 79. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Das_Todesurteil_(Hau).djvu/80&oldid=996892 (Version vom 14.01.2010)