Seite:De Die Liebesbriefe der Marquise (Braun).djvu/229

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Es scheint mir nachgerade, daß es törichter ist, den Glauben an die Menschen zu bewahren, als den an Gott und alle Heiligen. Denn trotz aller Beweise der Atheisten und der tausendneunundneunzig Paragraphen des Baron Holbach gibt es schlagendere gegen den Menschen-, als gegen den Gottesglauben.

Zwei Tage nach dem Triumph Voltaires führte mich die Neugierde zu einem gewissen Herrn Mesmer, dem als Helfer in allen Leibesnöten ein geheimnisvoller Ruf vorangeht. Um einen Tisch fand ich dicht gedrängt eine Menge Menschen sitzen. Mit dem Ausdruck inbrünstiger Andacht drückte ein jeder das Ende eines Stahlrohrs, das aus dem Tisch hervorragte, an irgend einen, auch den unbeschreiblichsten Körperteil. Dazu spielte ein schwarzgekleideter Mann Harmonika, und ein anderer ging feierlichen Schrittes hin und her, die Fingerspitzen seiner Hände sekundenlang auf die Köpfe der Sitzenden pressend. Es waren Leute mit klingendem Namen darunter, – die Herzogin von Granville, der Graf von Artois, und sogar einer Ihrer „Freunde“, der Graf Chevreuse –, manche von ihnen hatten vorgestern erst Voltaires Hand an die Lippen gezogen. Und heute glauben sie an die magnetische Zauberei Herrn Mesmers, und würden ihm am liebsten die unheilbarste aller Kranken anvertrauen: Madame la France, – schon um Herrn Necker endlich wieder los zu werden!


Empfohlene Zitierweise:

Lily Braun: Die Liebesbriefe der Marquise. München 1912, Seite 223. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Die_Liebesbriefe_der_Marquise_(Braun).djvu/229&oldid=1669443 (Version vom 9.10.2011)