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Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
Versailles, den 12. April 1782.


Teuerste Frau Marquise. Im Augenblick, da ich den Boden Frankreichs wieder betrat und die Jahre zwischen damals und heute ausgewischt erschienen, war mir, als müßte ich Ihnen zuerst begegnen, als könne das neue Leben nur beginnen, wenn der Stern über ihm strahlte, der meiner ersten Jugend geleuchtet hat. Erst als der brave Gaillard, der Sie zwar nie mehr sah, aber trotzdem nie aus dem Auge verlor, mir von Ihnen und Ihrem Kinde erzählte, und als Sie im Schloß von Versailles zum ersten Male wieder vor mir standen und mich nicht anders begrüßten wie jeden Fremden, fühlte ich, daß mehr als Jahre, daß Schicksale die Gegenwart von der Vergangenheit trennen.

Wenn Sie, an das Leben der großen Welt gewöhnt, das alle Abgründe der Seele mit Lärm und Zerstreuung füllt, imstande sind, während der kommenden Anwesenheit meiner Schwester, die uns notwendig täglich zusammenführen wird, gleichmäßig fremd neben mir herzugehen, – ich, Delphine, der auf den Steppen und in den Urwäldern Amerikas mehr denken lernte, als reden, und mehr empfinden, als überlegen –, ich vermag es nicht!

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Lily Braun: Die Liebesbriefe der Marquise. München 1912, Seite 303. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Die_Liebesbriefe_der_Marquise_(Braun).djvu/309&oldid=1713623 (Version vom 1.11.2011)