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mich zu Hause auf mein Bett. Am nächsten Morgen erkannte ich niemanden mehr.

Viele Wochen schwebte ich zwischen Tod und Leben. Noch Jahre darnach konnte ich mich nicht ohne Entsetzen der wilden Fieberträume erinnern, die mich damals gepeinigt hatten. Den Dom sah ich, und der Priester am Altar war ein Gerippe, und in den unergründlich tiefen schwarzen Schlamm des Bodens zogen mich lauter schmutzige Knochenhände; – durch gelbe Fluten lief ich atemlos, hinter mir endlose Scharen von Männern und Weibern, denen Hunger, Betrunkenheit, Mordlust aus den rot unterlaufenen Augen glühte. Dazwischen tanzte Klein-Zaches auf der Bettdecke und bohrte mir seinen winzigen Degen ins Gehirn, und Serpentine mit den großen blauen Augen ringelte sich erstickend um meinen Hals.

„Wie kommt sie nur zu solchen Phantasien?“ hörte ich dazwischen meine Mutter sagen, die in aufopfernder Pflichterfüllung nicht von meinem Lager wich.

„Wie ists nur möglich, daß die Malaria sie packen konnte?“ sagte wohl auch der Arzt, der dem mörderischen Sumpffieber nur unten bei den Überschwemmten begegnet war.

Ich schwieg, viel zu müde, viel zu apathisch zum Sprechen; denn einer großen Schwäche machte das Fieber Platz. Ich glaubte fest an meinen baldigen Tod, wunschlos, widerstandslos. Auch durch meiner Mutter gleichmäßig-freundliches Lächeln, das so beruhigend auf einen Kranken wirken konnte, wollte ich mich nicht täuschen lassen. Die Angst, die sich in meines Vaters Zügen malte, wenn er an mein Bett trat, schien mir mehr der Wahrheit zu entsprechen.

Empfohlene Zitierweise:

Lily Braun: Memoiren einer Sozialistin. Albert Langen, München 1909, Seite 104. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Memoiren_einer_Sozialistin_-_Lehrjahre_(Braun).djvu/106&oldid=1324804 (Version vom 28.10.2010)