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Eine Woche später kehrte Mama zurück. Ihre Schläfen waren grau geworden, und noch fester als sonst preßten sich die schmalen Lippen aufeinander. Mit einem kühlen Blick streifte sie den Vater und mich, reichte uns flüchtig die Hand und hatte nur für Ilschen einen zärtlichen Kuß. Zu Hause übergab sie mir ein großes Packet. „Ihren schriftlichen Nachlaß hat Mamachen dir hinterlassen,“ sagte sie, „du kannst damit machen, was du willst.“ Mir traten die Tränen in die Augen. Die liebe, gute Großmama! Nun würde sie doch für mich eine Lebendige bleiben! So rasch wie möglich zog ich mich mit meinem Schatz in mein Zimmer zurück. Aber ich hatte kaum die Siegel gelöst, die vielen Bänder geöffnet, als ein heftiger Wortwechsel zu mir herübertönte. „Hinter meinem Rücken hast du mein Erbteil verbraucht,“ sagte Mama, „und daß auch meine Mutter mir verschwieg, was mich doch wohl am nächsten anging, – das verbittert mir noch die Erinnerung an die Tote …“ |
Lily Braun: Memoiren einer Sozialistin. Albert Langen, München 1909, Seite 443. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Memoiren_einer_Sozialistin_-_Lehrjahre_(Braun).djvu/445&oldid=1327214 (Version vom 30.10.2010)