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Tage später bekam ich seine Antwort. „Wir sind Bundesgenossen,“ schrieb er, „denn nicht darauf kommt es an, was wir glauben, sondern was wir sind; nicht darauf, wie wir uns nennen, sondern ob wir wollen, daß etwas werde. Ich rechne auf Sie. Zu wirken gilt es, solange es Tag ist, mein ganzes Dasein gehört diesem Wirken.

In wahrster respektvoller Ergebenheit 
M. von Egidy.“     

Nun verflossen meine Tage wieder in alter Einförmigkeit; aber ihr trübes Grau war wie Frühlingsnebel, der die Sonne ahnen läßt, und meine träge gewordene Phantasie griff wieder nach der Palette, um Zukunftsbilder zu malen. Ich konnte unsere Abreise kaum mehr erwarten. In Berlin würde der große Strom des Weltgeschehens die Rinnsale des Eigenlebens aufnehmen, das enge Beieinandersein innerlich entzweiter Menschen würde aufhören, und „das Wunderbare“ würde vielleicht doch noch erlösend in mein Dasein treten.

Meine Mutter war, um Wohnung zu suchen, schon vorausgereist, als ich von Professor Fiedler, dem Herausgeber der Goethe-Zeitschrift, einen Brief erhielt. Er hatte sich nach Großmamas Tod zuerst an Onkel Walter gewandt, um zu erfahren, welche Erinnerungen ihr Nachlaß an den großen Freund ihrer Jugend enthielte, und dieser hatte ihn an mich verwiesen. Ob ich für seine Zeitschrift einen Artikel schreiben wolle, frug er, – ich staunte: wie kam es nur, daß ich bisher so blind gewesen war?! Die Lebende hatte mich ernst und eindringliche auf den Weg des Erwerbs gewiesen, und die Tote gab mir die Mittel an die Hand, durch die es mir möglich sein sollte, ihn zu betreten!

Empfohlene Zitierweise:

Lily Braun: Memoiren einer Sozialistin. Albert Langen, München 1909, Seite 454. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Memoiren_einer_Sozialistin_-_Lehrjahre_(Braun).djvu/456&oldid=1335085 (Version vom 7.11.2010)