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und der Lebensführung zu fördern‘, heißt, fürchte ich, Egidys Versöhnung noch übertrumpfen, und daß aus dem § 2 der Statuten die Worte ‚Besitzlose‘ und ‚Schutz vor Ausbeutung‘ gestrichen wurden, gab mir ordentlich einen Stich ins Herz. Für die Zukunft brauche ich dringend Ihre Unterstützung, wenn anders unsere Idee sich nicht allmählich in ihr Gegenteil verwandeln soll. Ich habe Sie darum als Kommissions-Mitglied vorgeschlagen und bin beauftragt, Sie um Annahme der erfolgten Wahl zu bitten. Ich hoffe bestimmt, daß Sie sich nicht auch jetzt noch durch falsche Bescheidenheit und ebenso falsche Rücksicht auf Ihre Eltern abhalten lassen, in den Dienst unserer Sache zu treten.

Übrigens hatte ich gestern die Ehre des Besuchs Ihrer Frau Mutter. Sie suchte mich zu bestimmen, meinen ‚großen Einfluß‘ auf Sie geltend zu machen, um Sie wieder in den Schoß Weimars und unter den Schutz des weißen Falken zurückzuführen. Ich lehnte entschieden ab und betonte, daß Sie zu Größerem berufen seien, und daß es Pflicht der Eltern wäre, Ihnen vollkommen freie Bahn zu lassen. Daraufhin empfahl sich Ihre Exzellenz recht kühl und, wie es schien, verletzt.

Auch Egidy war vor ein paar Tagen bei mir. Ich fürchte, daß er mehr und mehr alle Distanz zu sich selbst und der Welt verliert. So sieht er uns – ernstlich! – als ein Konkurrenzunternehmen an und vermag in seiner ungeheuern Selbstüberschätzung nicht einzusehen, daß er doch nur, wie wir, einer der vielen Arbeiter ist, die von den Ruinen der Vergangenheit Stein um Stein abtragen, um dem Bau der Zukunft Platz zu machen.

Empfohlene Zitierweise:

Lily Braun: Memoiren einer Sozialistin. Albert Langen, München 1909, Seite 546. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Memoiren_einer_Sozialistin_-_Lehrjahre_(Braun).djvu/548&oldid=1352046 (Version vom 20.11.2010)