Seite:De Memoiren einer Sozialistin - Lehrjahre (Braun).djvu/656

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In der Morgenfrühe gleitet mein Kahn über den Badersee. Tief, tief bis zum Grund kann ich sehen, wo um samaragdne Moose glitzernd die Forellen streichen und versteinerte Baumriesen schlafen. Langsam schlepp ich meine müden Füße heimwärts durch den Wald, wo die Orchideen blühen.

Drüben beim Bärenbauern herrscht jetzt der Sepp als Hausherr. Sein junges blondes Weib trägt den ersten Buben an der Brust. Verlegen, die Mütze zwischen den Händen drehend, hatte er die alte Spielgefährtin begrüßt. Sie wußten im Dorf von mir: daß ich die „heilige Kirche“ bekämpfte und es mit den Freidenkern hielt! Warum schmerzt mich das alles so sehr? Was konnten die Wenigen mir sein, da ich den Vielen gehörte?


Übermorgen muß ich fort,“ sagte ich entschlossen zu meiner Tante, – „du weißt, die Arbeit wartet nicht, und ich bedarf ihrer –“

„Bleib noch, mein Kind, bleib noch, – du bist noch so schwach –“ bat sie.

„Ich werde dir morgen beweisen, daß ich stark bin –“ lächelte ich …


Es läutete gerade zur Frühmesse, als ich aus dem Gartentor trat. Einen Atemzug lang stand ich still, die Hände auf dem pochenden Herzen. Mir war, als hätte ich drüben, zwischen den Bäumen einen Menschen gesehen, – eine Erscheinung aus ferner, ferner Vergangenheit.

Empfohlene Zitierweise:

Lily Braun: Memoiren einer Sozialistin. Albert Langen, München 1909, Seite 654. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Memoiren_einer_Sozialistin_-_Lehrjahre_(Braun).djvu/656&oldid=1334770 (Version vom 7.11.2010)