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aufheben,“ rechtfertigte sich der Tenor. „Soll ich den Schal Ihnen nachtragen oder hier lassen?“

Die Tür ging endlich auf, und ins Zimmer trat eine etwa vierzigjährige, großgewachsene, volle Dame in blauem Seidenkleide. Ihr rotbackiges, sommersprossiges Gesicht drückte soviel stumpfe Einbildung aus, daß ich sofort begriff, warum Dokukin sie nicht mochte. Der Dame folgte trippelnd ein kleines schmächtiges Männchen in buntem Röckchen, weiter Hose und Samtweste, – engbrüstig, bartlos, mit rotem Näschen. An seiner Weste baumelte eine goldene Uhrkette, die an ein Kettchen, an dem man die Lämpchen vor den Heiligenbildern aufzuhängen pflegt, erinnerte. In seiner Kleidung, seinen Bewegungen, seinem Näschen, in seiner ganzen komischen Figur lag etwas sklavisch Demütiges und Gedrücktes… Die Dame trat ins Zimmer, wandte sich, ohne uns anzublicken, zu den Heiligenbildern und begann sich zu bekreuzigen.

„Bekreuzige du dich auch!“ befahl sie ihrem Mann.

Das Männchen mit dem roten Näschen fuhr zusammen und begann sich zu bekreuzigen.

„Guten Tag, Schwester!“ wandte sich Dokukin an die Dame, als jene mit dem Beten fertig war, und seufzte auf.

Die Dame lächelte solid und reichte ihre Lippen denen Dokukins.

Auch das Männchen bot seine Lippen dar.

„Gestatten Sie, daß ich vorstelle… Meine Schwester Olimpiada Jegorowna Chlykina… Ihr Gatte, Dossifej Andrejitsch… Und dieser da ist mein guter Bekannter…“

„Freut mich sehr,“ sagte Olimpiada Jegorowna gedehnt, ohne mir die Hand zu reichen. „Freut mich sehr…“

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Anton Pawlowitsch Tschechow: Von Frauen und Kindern. München: Musarion, 1920, Seite 55. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Von_Frauen_und_Kindern_(Tschechow).djvu/055&oldid=997374 (Version vom 14.01.2010)