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Salon malen, im Schlafzimmer schlafen und auf einem Tischtuch essen werde? – Eine Last war ihr vom Herzen gefallen, und sie zürnte Rjabowskij nicht mehr.

„Die Farben und Pinsel lasse ich hier zurück, Rjabuscha,“ sagte sie. „Was davon übrig bleibt, wirst du mir zurückbringen… Paß auf, wenn ich fort bin, sollst du keine Grillen fangen und nicht faul sein, sondern arbeiten. Du bist ja ein tüchtiger Kerl, Rjabuscha.“

Um zehn Uhr gab ihr Rjabowskij den Abschiedskuß, wie sie glaubte, um sie nicht auf dem Dampfer in Gegenwart der anderen küssen zu müssen. Dann begleitete er sie zum Landungsplatz. Bald kam das Schiff und nahm sie mit.

Sie kam nach Hause nach zweieinhalb Tagen. Ohne den Hut und den Regenmantel abzulegen, ging sie, vor Aufregung schwer atmend, in den Salon und dann ins Eßzimmer. Dymow saß ohne Rock, in aufgeknöpfter Weste vor dem Tisch und wetzte ein Messer an einer Gabel; auf dem Teller vor ihm lag ein Feldhuhn. Als Olga Iwanowna die Wohnung betrat, war sie überzeugt, daß sie alles vor dem Manne verheimlichen müsse, daß sie es fertig brächte und daß sie die Kraft dazu haben würde; als sie aber jetzt sein breites, mildes, glückliches Lächeln und seine freudestrahlenden Augen sah, überkam sie das Gefühl, daß das Geschehene vor ihm zu verheimlichen ebenso gemein, ekelhaft und unmöglich wäre, wie einen Menschen zu verleumden, zu bestehlen oder zu ermorden. Es gab einen Augenblick, wo sie entschlossen war, ihm alles zu sagen. Nachdem sie sich von ihm hatte küssen und umarmen lassen, sank sie vor ihm in die Knie und bedeckte das Gesicht mit den Händen.

„Was ist denn? Was hast du, Mama?“ fragte er zärtlich. „Hast dich nach mir gesehnt?“

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Anton Pawlowitsch Tschechow: Von Frauen und Kindern. Musarion, München 1920, Seite 156. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Von_Frauen_und_Kindern_(Tschechow).djvu/156&oldid=1144448 (Version vom 16.06.2010)