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einer Pension in der Nähe der Universität gewohnt habe, und so oft man bei ihm anklopfte, hätte man hinter der Tür seine Schritte und dann die leise Entschuldigung gehört: „pardon, je ne suis pas seul.“ Jagitsch war von ihm entzückt und segnete ihn zu seiner ferneren Tätigkeit, genau so, wie der alte Derschawin den jungen Puschkin; er liebte ihn auch anscheinend. Sie spielten beide stundenlang stumm Billard oder Piquet, und wenn Jagitsch mit einer Troika ausfuhr, so nahm er immer auch Wolodja mit; Wolodja weihte seinerseits nur Jagitsch allein in die Geheimnisse seiner Dissertation ein. Früher, als der Oberst noch jünger war, standen sie sich oft als Nebenbuhler gegenüber, waren aber niemals aufeinander eifersüchtig. In der Gesellschaft, wo sie verkehrten, hieß Jagitsch – Wolodja der Große, und sein Freund – Wolodja der Kleine.

Im Schlitten befand sich außer Wolodja dem Großen, Wolodja dem Kleinen und Ssofja Lwowna noch eine vierte Person – Margarita Alexandrowna, oder, wie man sie allgemein nannte, Rita, eine Kusine der Frau Jagitsch, ein Mädchen von über dreißig Jahren, mit sehr blassem Gesicht, schwarzen Augenbrauen und einem Zwicker auf der Nase, die unaufhörlich, selbst im Froste, Zigaretten rauchte; auf ihrer Brust und ihren Knien war immer Zigarettenasche. Sie sprach durch die Nase, dehnte jedes Wort, war kühl, konnte Liköre und Kognak in beliebigen Mengen vertragen, wurde niemals betrunken und pflegte matt und langweilig zweideutige Witze zu erzählen. Zu Hause las sie vom Morgen bis zum Abend dicke Monatsschriften, die sie mit Asche überschüttete, oder aß gefrorene Aepfel.

„Ssonja, sei nicht so verrückt,“ sagte sie mit singender Stimme. „Es ist sogar dumm.“

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Anton Pawlowitsch Tschechow: Von Frauen und Kindern. Musarion, München 1920, Seite 180. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Von_Frauen_und_Kindern_(Tschechow).djvu/180&oldid=1102965 (Version vom 15.05.2010)