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An der Stadtgrenze schlug die Troika ein langsameres Tempo ein; Häuser und Menschen flogen vorüber, und Ssofja Lwowna wurde still, schmiegte sich an ihren Mann und gab sich ihren Gedanken hin. Wolodja der Kleine saß ihr gegenüber. Jetzt gesellten sich zu ihren lustigen und leichten Gedanken auch düstere. Sie dachte sich: dieser Mensch, der ihr gegenüber sitzt, weiß, daß sie ihn geliebt hat, und glaubt sicher, daß sie den Obersten par dépit geheiratet hat. Sie hat ihm noch kein einziges Mal ihre Liebe gestanden und auch nicht gewollt, daß er es wisse; sie verheimlichte ihr Gefühl, aber seinem Gesicht konnte man ansehen, daß er sie vollkommen durchschaute, und das tat ihrem Ehrgeiz weh. Das Erniedrigendste an ihrer Lage aber war, daß dieser Wolodja der Kleine ihr nach ihrer Hochzeit plötzlich in auffallender Weise seine Aufmerksamkeit zuwendete, was früher nie der Fall war; er saß stundenlang an ihrer Seite, schwieg oder redete irgendeinen Unsinn; und auch jetzt im Schlitten trat er ihr, ohne mit ihr zu sprechen, leicht auf den Fuß und drückte ihre Hand; offenbar hatte er nur darauf gewartet, daß sie sich verheirate; es war auch offenbar, daß er sie verachtete, und daß sie in ihm nur ein ganz bestimmtes Interesse als ein schlechtes und verdorbenes Frauenzimmer weckte. Und wenn sich in ihrer Seele der Triumph und die Liebe zum Mann mit dem Gefühl der Erniedrigung und des verletzten Stolzes mischten, geriet sie in eine eigentümliche Raserei und hatte den Wunsch, auf den Bock zu steigen, zu schreien und zu pfeifen…

Gerade als sie am Frauenkloster vorbeifuhren, ertönte das Dröhnen der großen, viele Zentner schweren Glocke. Rita bekreuzigte sich.

„In diesem Kloster wohnt unsere Olja,“ sagte Ssofja Lwowna. Auch sie bekreuzigte sich und fuhr zusammen.

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Anton Pawlowitsch Tschechow: Von Frauen und Kindern. Musarion, München 1920, Seite 181. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Von_Frauen_und_Kindern_(Tschechow).djvu/181&oldid=1102963 (Version vom 15.05.2010)