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nach. Ssofja Lwowna kam der Gedanke, daß dieser Mensch ihr nur aus einem Grunde wert und lieb sei: weil auch er Wladimir heiße. Sie setzte sich im Bette auf und rief zärtlich:

„Wolodja!“

„Was willst du?“ fragte der Mann.

„Nichts.“

Sie legte sich wieder hin. Sie hörte Glockengeläute, das vielleicht sogar von jenem Kloster kam: sie erinnerte sich wieder der Vorhalle und der dunklen Gestalten; sie dachte wieder an Gott und an den unvermeidlichen Tod, und zog die Bettdecke über den Kopf, um das Glockengeläute nicht mehr zu hören: sie sagte sich, daß dem Alter und dem Tode ein unendliches Leben vorangehen werde: sie werde von Tag zu Tag mit der Nähe eines ungeliebten Mannes, der eben ins Schlafzimmer gekommen ist und sich gerade auszieht, rechnen und in sich die hoffnungslose Liebe zu einem anderen jungen, reizenden und, wie sie glaubte, ungewöhnlichen Manne ersticken müssen. Sie blickte ihren Mann an und wollte ihm gute Nacht sagen, fing aber statt dessen plötzlich zu weinen an. Sie ärgerte sich über sich selbst.

„Nun, jetzt geht die Musik los!“ sagte Jagitsch.

Sie beruhigte sich, doch spät, erst um die zehnte Morgenstunde: sie hörte auf zu weinen und am ganzen Körper zu zittern, bekam aber dafür heftige Kopfschmerzen. Jagitsch wollte zur Spätmesse gehen und brummte im Nebenzimmer seinen Burschen an, der ihm beim Anziehen half. Leise mit den Sporen klirrend, kam er ins Schlafzimmer, um etwas zu holen, kam dann noch einmal, diesmal mit Epauletten und Orden, vor Rheuma leicht hinkend, und Ssofja Lwowna schien es aus irgendeinem Grunde, daß er wie ein Raubtier schleiche und lausche.

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Anton Pawlowitsch Tschechow: Von Frauen und Kindern. Musarion, München 1920, Seite 188. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Von_Frauen_und_Kindern_(Tschechow).djvu/188&oldid=1102949 (Version vom 15.05.2010)