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deren Annahme unmöglich war, gestattet werden sollte, haben den Entschluß gefaßt, ihre Werke, im Falle der Nichtausführung der Lenne-Lahn-Bahn, in besser situirte Gegenden zu verlegen. Die Folgen dieses Schrittes wären für unseren Kreis gradezu unberechenbar, weil sie der Hinwegnahme der einzigen Hilfquelle, der letzten Stütze, gleichkämen.

Und doch bedarf es andererseits nur des gewünschten Verkehrsaufschlusses durch Anlage der erwähnten Eisenbahn, um grade diese Eisenindustrie wieder zu einer äußerst concurrenzfähigen zu machen; sie wird sich rasch auf das Vierfache steigern und im Stande sein, die Masse der vorhandenen Arbeitskräfte vollständig und lohnend zu beschäftigen. Andere industrielle Etablissements, als Spinnereien, Gerbereien, Papierfabriken, Brauereien etc. werden dann nicht zurückbleiben, sondern mit Freude die im Hinblick auf die baldige Erbauung der Bahn bereits mit bedeutenden Opfern bewirkten Erweiterungen ihrer Werke fortsetzen.

Bergwerksproducte.Die sämmtlichen Producte des Bergbaues, deren Muthungen sich alle in fester Hand befinden und von welchen nur vorzüglicher Eisenstein, Braunstein, Kalk, Dachschiefer und Bausteine erwähnt werden sollen, haben, wie auch die überaus großen Reichthümer an Holz, bie jetzt, der beregten ungünstigen Verhältnisse wegen, entsprechende Beachtung nicht gefunden. Rechnet man hierzu die vielfach unbenutzten bedeutenden Gefälle der Lahn und der Eder, sowie den durch Treue, Biederkeit, Fleiß und Ausdauer sprüchwörtlich gewordenen Volksstamm, so möchten hierin doch wahrlich die Grundbedingungen einer gesunden Entwickelung industriellen Lebens gefunden werden und es kann und wird nicht schwer halten, neuen Zweigen der Industrie erfolgreichen und blühenden Eingang zu verschaffen.

Staatsvertrag.Dieser Einsicht konnte sich denn nun auch schon die Regierung des Großherzogs von Hessen nicht verschließen. Schon im Jahre 1863 schloß sie mit der preußischen und kurhessischen Regierung einen Staatsvertrag Behufs Erbauung einer Eisenbahn von Siegen über Laasphe und Biedenkopf bis zur Main-Weserbahn und stellte später der Bergisch-Märkischen Eisenbahn-Gesellschaft, welche sich zur Ausführung des Projectes von Altenhundem nach Marburg bereit zeigte, Zinsgarantie in Aussicht. Zusagen der Berg.-
Märk.-Eisenbahn-
Gesellschaft.
Die Königliche Eisenbahn-Direction zu Elberfeld erklärte damals, daß man die Bedeutung dieser Bahn für den allgemeinen Verkehr, als auch für die Interessen der Gesellschaft mit Lebhaftigkeit erkannt habe und hoffe, daß es bald gelingen werde, auf diesem kürzesten Wege die rheinischen Provinzen, namentlich die Kohlendistricte der Ruhr mit Mittel- und Süddeutschland zu verbinden. Der Krieg in 1866 ließ jedoch die Angelegenheit in Stockung gerathen, das Hinterland wurde annectirt und seine Bevölkerung lebte der sicheren Hoffnung, der Großstaat Preußen werde als Rechtsnachfolger Hessens die bindendsten Versprechungen bei
der Einverleibung.
Verpflichtungen des Rechtsvorgängers erfüllen. Ganz besonders freudige Stimmung aber erregte es, als der damalige Vertreter des preußischen Staates, der Civil-Administrator Herr von Patow bei der Einverleibungsfeierlichkeit öffentlich erklärte: daß die Verhältnisse sich jetzt bessern und jetzt die dem Verkehre so nothwendigen neuen Wege eröffnet werden sollten. Es unterlag keinem Zweifel, daß hierunter vor Allem der Bau einer Eisenbahn verstanden war, einer Bahn, welche bereits seit dem Jahre 1847 erstrebt, über welche verschiedene Projecte ausgearbeitet waren, und auf welche bei den Nothschreien der armen Gegend stets hingewiesen, vertröstet und gehofft war. Leider gingen diese Verhandlungen des
Abgeordnetenhauses.
Hoffnungen nicht in Erfüllung. Das Abgeordnetenhaus, an welches sich die bedrängten Bewohner des Kreises im Jahre 1867 gewendet hatten, ging über die Petition zur Tagesordnung über, da es an der Vorlage eines Vertrags zwischen der Regierung und der Bergisch-Märkischen-Gesellschaft fehlte. Dagegen erkannte die Commission die Wichtigkeit und Nothwendigkeit der fraglichen Bahn sowohl, als auch die Verpflichtung des Staates, hier im Interesse der Industrie und der Petenten erhebliche Unterstützung Zusagen der Preuß.
Regierung.
zu gewähren, vollständig und ungetheilt an. Der Herr Handelsminister erklärte damals, daß er die große wirthschaftliche Bedeutung der Lenne-Lahn-Bahn, sowie die moralische Verpflichtung des Staates zum Bau derselben in allem Umfange anerkenne und außerdem zu verschiedenen Malen, daß er auf die Herstellung dieser Bahn im allgemeinen Verkehrs- und Landesinteresse das größte Gewicht legen müsse (September 1867), er habe den bestimmten Willen, die Bahn baldigst auszuführen, es sei die erste Bahn, welche gebaut werden müsse (April 1868), er werde der Bergisch-Märkischen-Gesellschaft nur für diejenige Linie, welche dem Volkswohl am meisten entspräche, eine Zinsgarantie befürworten, und dies sei, nach seiner jetzigen Anschauung, nur die Linie Altenhundem-Laasphe-Biedenkopf-Marburg. Station Kölbe und
Anerkennung der Noth-
wendigkeit der Bahn
seitens der Regierung.
(August 1871). Auch bei anderen Gelegenheiten hat die Staatsregierung die Nothwendigkeit der Bahn betont und die Nichterfüllung von wirthschaftlichen Wünschen des Kreises Biedenkopf mit dem Hinweis auf den baldigen Bau der Lenne-Lahn-Bahn motivirt. So wurde die Bitte, um dem Verkehr einigermaßen entgegenzukommen, zwischen Kirchhain und Marburg, bei Cölbe, eine Station anzulegen, zu wiederholten Malen aus dem Grunde abgeschlagen, weil die Lenne-Lahn-Bahn in naher Aussicht stehe und nur erst festgestellt werde müsse, in welcher Richtung diese den Anschluß Beschluß der
Generalversammlung der
Actionäre der
Berg.-Märk.-Eisenbahn-
Gesellschaft
an die Main-Weser-Bahn finden könne. (Ministerial-Rescripte vom 18. Octbr. 1866 – 2. Septbr. 1867 – 4. Decbr. 1867 – 5. Juni 1868 – 24. Decbr. 1868 – 18. Mai 1870 – 17. April 1871. –) Trotz dieser beruhigenden Erklärungen, trotz der Bereitwilligkeit der Bergisch-Märkischen-Gesellschaft,

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J. Heinzerling: Denkschrift betreffend die Lenne-Lahn-Bahn. Biedenkopf o. J., Seite 4. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Denkschrift_betreffend_die_Lenne-Lahn-Bahn.djvu/4&oldid=1445457 (Version vom 1.02.2011)