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durch Pompejus. Auch die nachfolgende Übersetzung und Erläuterung der Lieder geht von dieser Annahme als der allein richtigen aus. Allerdings sind in früherer Zeit mehrfach, und neuestens wieder durch Frankenberg (Die Datierung der Ps. Sal., Gieß. 1896), Versuche gemacht worden, die Psalmen auf andere Zeitverhältnisse (bes. die unter Antiochus Epiphanes) zu beziehen. Aber die Hinweisungen einzelner Lieder gerade auf die oben genannte Zeit, vor allem auf das Auftreten und die Schicksale des Pompejus selbst (Ps. 2. 8. 17), sind zu deutlich, als daß man an einen früheren oder auch — wie einzelne meinten — einen späteren Gewalthaber (Herodes) denken könnte. Sind aber die wichtigsten Lieder für diese Zeit gesichert, so ist bei dem im Ganzen einheitlichen Charakter der Sammlung die höchste Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß ihr auch die andern Lieder angehören. Zeitliche Unterschiede innerhalb der Sammlung lassen sich nur insofern wahrnehmen, als die Mehrheit der Lieder unmittelbar oder bald nach dem Eindringen des Pompejus in Jerusalem (63 v. Chr.), Ps. 2 bald nach seinem Tode (48 v. Chr.) und vielleicht einzelne Lieder, wie Ps. 4, einige Jahrzehnte früher gedichtet sind (s. zu Ps. 4). Es würde sich also die Zeit zwischen 63 und 45, vielleicht zwischen 80 und 45 v. Chr. ergeben.

Als Ort der Abfassung wird man am Besten Palästina annehmen. Wenigstens spricht keinerlei Anzeichen für ein anderes Land, wohl aber weist sowohl der Inhalt der Lieder, als ihre Abfassung in hebräischer Sprache (s. u.) und ihre Bestimmung für den synagogalen Gottesdienst am Meisten auf das palästinensische Mutterland der jüdischen Gemeinde.

Sind nun die bisher angenommenen Bestimmungen des Zeitalters und des Ortes der Abfassung unserer Liedersammlung richtig, so besitzen wir in ihr eine ganz hervorragende Quelle für die Stimmung innerhalb des palästinensischen Judentums der letzten Zeit vor der Geburt Jesu Christi. Die Strömungen und Parteiungen im jüdischen Volke jener Tage, die politischen und religiösen Ideale derjenigen Gruppe, aus deren Kreisen heraus unsere Lieder gedichtet sind, und vor allem ihre hochgespannte messianische Erwartung (vgl. Ps. 17. 18), treten uns mit voller Deutlichkeit vor die Seele. Die Herrschaft liegt bis auf Pompejus’ Eingreifen in den Händen der hasmonäischen Priesterfürsten, mit denen die sadduzäische Partei im engsten Zusammenhange steht. Die Lieder können somit nur den Kreisen der pharisäischen Partei entstammen. Sie war, wie wir aus Josephus ersehen, mit dem Gang der Dinge seit den Tagen des makkabäischen Aufstands aufs Äußerste unzufrieden. Ihr Ideal war die alte königlose Verfassung der früheren nachexilischen Zeit; in ihr schien den Pharisäern das Wesen der jüdischen Theokratie am Besten verwirklicht. Dagegen mußte ihnen ein Priestertum in der Weise des hasmonäischen, das sich in weltliche Unternehmungen und Kämpfe einließ, ja sogar den königlichen Purpur mit dem Priestermantel vereinigte, ein Dom im Auge sein (vgl. Wellh. a. a. O. S. 93 f.). Die Lieder begrüßen deshalb den Untergang der hasmonäischen Herrschaft als ein gerechtes Gottesgericht mit unverhohlener Befriedigung, und nur soweit Pompejus den ihm gewordenen Auftrag überschreitet, wird ihm Tadel zu Teil.

Die theologische Bedeutung der Lieder beruht wesentlich darauf, daß wir aus ihnen ein treues Bild der pharisäischen Frömmigkeit jener Tage gewinnen. Wir verstehen von ihm aus die Zeichnung, welche die Evangelien von den Pharisäern entwerfen, und den Widerstreit, in den Jesus zu ihrer Frömmigkeit geraten mußte. Es geht durch die Lieder ein tiefer Gegensatz zwischen fromm und gottlos, zwischen Gerechten und Sündern, und demgemäß ein tiefes Streben nach Frömmigkeit und ein aufrichtiges Hochhalten derselben. Aber der Begriff von Frömmigkeit und Gerechtigkeit hat doch einen recht äußerlichen Charakter. Die Frommen sind die sich an die (pharisäischen) Satzungen Haltenden (14,2), die Gottlosen und Sünder ihre Gegner, die Sadduzäer. Daß sich auch in den Kreisen der Andersdenkenden Frömmigkeit finden könnte, ja daß sich Frömmigkeit auch unabhängig von der Parteistellung und „Gerechtigkeit“ auch ohne die in pharisäischen Kreisen hergebrachte strenge Gesetzlichkeit denken ließe, kam

Empfohlene Zitierweise:

Rudolf Kittel (Übersetzer): Die Psalmen Salomos. Tübingen: J.B.C. Mohr (Paul Siebeck), 1900, Seite 128. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DiePsalmenSalomosGermanKittelKautzsch2.djvu/002&oldid=1648634 (Version vom 8.09.2011)