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4 Ihr[1] Reichtum erfüllte alle Welt,
und ihr Ruhm [drang] bis ans Ende der Erde.
5 Sie stiegen hinauf bis zu den Sternen,
dachten, sie könnten nicht zu Falle kommen.
6 Sie wurden übermütig in ihrem Glück
und konnten es nicht ertragen.
7 Ihre Sünden [geschahen] im Verborgenen,
und ich wußte es nicht.
8 Ihre Greuel [gingen] über die Heiden vor ihnen[2];
sie haben das Heiligtum des Herrn schändlich entweiht.
Jerusalems Schmach und Pompejus' Untergang.
Ein Psalm Salomos über Jerusalem[3].

2

1 In seinem Übermut stürzte der Sünder mit dem Widder[4] feste Mauern,
und du hindertest es nicht.
2 Fremde Heiden bestiegen deinen Altar,
betraten [ihn] übermütig in ihren Schuhen,
3 dafür, daß die Söhne Jerusalems das Heiligtum des Herrn entweihten,
die Opfer Gottes in Gottlosigkeit schändeten.
4 Darum sprach er: Thut sie weit weg von mir,
ich habe kein Gefallen an ihnen!
5 Ihre[5] herrliche Schönheit war nichts vor Gott,
entehrt aufs Äußerste.
6 Die Söhne und Töchter in schimpflicher Gefangenschaft,
im Verschluß[6] ihr Hals, bloßgestellt[7] unter den Heiden.

  1. Gemeint sind hier und im Folgenden die „Kinder“ Judas von V. 3 — natürlich nicht die Gesamtgemeinde, wohl aber eine starke und vielfach maßgebende Richtung in ihr.
  2. Dieses πρὸ αὐτῶν kann nur zeitlich gemeint sein, nicht = neben ihnen, um sie (ἐνώπιον). Es liefert damit den endgiltigen Beweis, daß der Ps. auf Herrscher oder Gewalthaber jüdischen Geschlechts geht, die es schlimmer treiben als die Heiden (Seleuciden), die früher die Gewalt innehatten.
  3. Ein heidnischer Feind hat Jerusalem belagert und erobert; seine Krieger sind in ihren Kriegsschuhen bis zum Brandopferaltar vorgedrungen. Das ist die Strafe der Gottlosigkeit derer von Jerusalem selbst (V. 3.13; vgl. 1,8), bes. der vornehmen und üppigen (sadduzäischen) Priester (vgl. Opfer V. 3; Ansehen der Person V. 18). Jüdische Jünglinge und Jungfrauen werden gefangen weggeschleppt (V. 6), die Töchter Jerusalems entehrt (13). Aber dem Übermut des heidnischen Ungetüms folgt die Strafe aus dem Fuße. In Ägypten wird es erschlagen, sein Leichnam geschändet (V. 25 ff.). — Damit ist Anlaß und Zeit des Psalms von selbst gegeben. V. 26 ff. malen mit historischer Treue das Schicksal des Pompejus nach der Schlacht bei Pharsalus. Der heidnische Eroberer ist somit ebenfalls Pompejus, der nach Jos. Ant. XIV, 4, 2 ff. im Jahre 63 v. Chr. den Tempelberg erstürmte und nach Ant. XIV, 4, 4. Bell. Jud. I, 7,6 u. a. ins Heiligtum eindrang. Noch schlimmer als das, was Pompejus damit that, schien dem Verf. (V. 2), daß seine Soldaten den Brandopferaltar entweihten. — Der Ps. ist bald nach 48 v. Chr. gedichtet.
  4. Vgl. Jos. Ant. XIV, 4,2, wonach μηχαναὶ καὶ ὄργανα ἐκ Τύρου κομισθέντα, sowie πετροβόλοι dabei gebraucht wurden.
  5. Lies mit v. Gebh. αὐτῆς (vgl. V. 19); Wellhausen, Phar. u. Sadd. 133, tritt für αὐτοῦ ein, aber schwerlich mit zureichenden Gründen.
  6. >ἐν σφραγῖδι kann (Wellh.) schwerlich heißen: im Ringe. σφρ. bedeutet Siegel und Siegelring, dann weiterhin auch (vgl. Hohesl. 8,6) Armring, aber als Schmuck, nicht als Fessel. Brandmal am Halse (Hilgf.) kann ebenfalls schwerlich die Bed. von ἐν σ. ὁ. τρ. sein. Man fasse σφρ. entweder in übertragener Bed. - Versiegelung, Verschluß, oder man denke an die im b. T. Sabb. 28a bezeugte Sitte, Halsband oder Kleid des Sklaven mit einem Siegel (Stempel) zu versehen.
  7. ἐν ἐπισήμῳ bedeutet 17,30 nach den meistert Erklärern am hervorragenden Orte (sc. τόπῳ), in der Hauptstadt = Rom (vgl. ἀνὴρ ἐπίσ.) Allein weder hier noch dort empfiehlt sich diese Deutung besonders. — Verlockend wäre die Möglichkeit, ἐπίσ. nach Gen. 30, 42 = מְקֻשָּׁרִים‎, aber in der Bed. „gefesselt“ zu nehmen. Dann lautete V. 6b: „im Verschluß ihr Hals, gefesselt unter den H.“ Aber man erwartete mindestens für ἐν ἐπισ. — So bleibt nur ἐπίσημον „Kennzeichen, Brandmal“. Denn „Schaustück“ (Wellh.) heißt das Wort nicht. — ἐν ἐπισ. ist dann entweder parallel mit ἐν αἰχμ. 6a (also „gebrandmarkt“) oder wohl besser (wegen 17,30) adverbiell „kenntlich, offenbar, bloßgestellt“. Hebr. etwa נׂכַח לַגּוׁׂיִם‎.
Empfohlene Zitierweise:

Rudolf Kittel (Übersetzer): Die Psalmen Salomos. Tübingen: J.B.C. Mohr (Paul Siebeck), 1900, Seite 131. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DiePsalmenSalomosGermanKittelKautzsch2.djvu/005&oldid=1653015 (Version vom 16.09.2011)