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5 Strauchelt der Gerechte, so erkennt er des Herrn Gerechtigkeit an.
Er fällt und steht zu, was Gott ihm thun werde;
er schaut aus, von wo ihm Hilfe komme.
6 Die Wahrheit der Gerechten stammt von Gott, ihrem Erlöser;
in des Gerechten Haus weilt nicht Sünde auf Sünde.
7 Beständig durchforscht der Gerechte sein Haus,
um, wenn er sich vergangen, die Schuld zu tilgen.
8 Irrtumssünden sühnt er mit Fasten und kasteit sich gründlich;
der Herr aber spricht jeden frommen Mann und sein Haus rein.
––––
9 Strauchelt der Gottlose, so verflucht er sein Leben,
den Tag seiner Zeugung und der Mutter Wehen.
10 Er häuft Sünde auf Sünde, so lange er lebt;
er fällt — ja böse ist sein Fall! — und steht nicht mehr auf.
11 Des Sünders Verderben ist ewig,
und sein wird nicht gedacht, wenn er die Frommen heimsucht.
12 Das ist das Teil der Sünder in Ewigkeit; —
aber die den Herrn fürchten, werden auferstehen zum ewigen Leben,
und ihr Leben [verläuft] im Licht, und [das] wird nimmer versiegen.


Heuchler im Hohen Rate[1].
Ein Gedicht Salomos gegen die Menschenknechte.

4

1 Was sitzest du Unheiliger im Rate der Frommen[2],
da doch dein Herz weit ab ist vom Herrn,
[und] du mit Übertretungen den Gott Israels reizest?
2 An Worten und an Geberden alle [andern] überragend,
[ist er] mit harten Worten [bereit,] die Schuldigen im Gericht zu verurteilen.
3 Er ist voran, Hand an ihn zu legen wie im [frommen] Eifer,
während er doch selbst in vielfache Sünde und Unreinheit verstrickt ist.
4 Seine Augen sind auf jedes Weib ohne Unterschied gerichtet,
seine Zunge lügt [selbst] beim eidlichen Vertrage.
5 Des Nachts und insgeheim sündigt er, weil er sich ungesehen glaubt;
durch die Augen hält er mit jedem Weibe sündige Verabredung.
Hurtig dringt er in jedes Haus ein — harmlos, als thäte er nichts Arges[3].
––––
6 Rotte, Gott, aus, die in Heuchelei leben unter den Frommen,
durch siechen Leib und Armut [raffe weg] ihr Leben!
7 Gott, decke auf die Werke der Menschenknechte!
Zu Gelächter und Gespötte [müssen werden] ihre Thaten,[[Bild:]]
    • Der Psalm zeigt einen eigentümlichen Wechsel von Singular und Plural, so daß es recht wohl möglich ist, daß der Verf. mit den Gottlosen und Menschenknechten eine Mehrheit im Auge hat, aus der sich ein Einzelner als das Haupt jener „Gottlosen“, dem zuliebe sie zu „Menschenknechten“ werden, abhebt (Wellh.). Doch kann die Scheidung nicht streng durchgeführt werden; V. 6 ff. müssen die Singulare doch wohl kollektiv gefaßt werden, während von V. 10 an ein Individuum einzutreten scheint. — Die Gottlosen sind auch hier zweifellos die Sadduzäer. Wellh. hat deshalb vermutet, in dem Haupte der sadduz. Partei sei Alexander Jannai (102-76) zu erkennen. Läßt sich dies auch schwer zwingend beweisen, so kann immerhin gesagt werden, daß alles im Psalm auf ihn und seine Zeit paßt. Kaum ein hasmonäischer Fürst ist grimmiger als er von der pharisäischen Partei gehaßt und verfolgt worden; kaum einer bot ihr auch mehr Grund zur Klage vermöge seines unpriesterlichen, abenteuerlichen, buhlerischen und schwelgerischen Lebens. Vgl. Jos. Ant. XIV, 14, 2. 15,5. 13,5. Doch könnte auch an Aristobul II. (86—63) gedacht sein; V. 14 ff. würden auf ihn sehr wohl passen. Im ersteren Falle wäre das Lied etwa 80 v. Chr. gedichtet.
    • Der Rat der Frommen übt zugleich das Gericht V. 2 f.; man wird also nicht fehlgehen, wenn man συνέδριον nicht bloß = Versammlung, sondern im technischen Sinn = Hoher Rat faßt.
    • Über die sadduzäischen Kreisen vorgeworfene Unzucht hat schon 2,11.13 gehandelt (s. weiter 8,9ff.); über Alexander Jannai persönlich vgl. Jos. Ant. XIV, 14,2. Natürlich ist nicht ausgeschlossen, daß die Parteileidenschaft hier und im Folgenden die Farben allzu stark aufträgt.
    Empfohlene Zitierweise:

    Rudolf Kittel (Übersetzer): Die Psalmen Salomos. Tübingen: J.B.C. Mohr (Paul Siebeck), 1900, Seite 134. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DiePsalmenSalomosGermanKittelKautzsch2.djvu/008&oldid=1331930 (Version vom 5.11.2010)