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2 Tosen zahlreichen Volks, gewaltigem Winde gleich,
gleich gewaltigem Feuersturm, der durch die Steppe tobt.
3 Da dachte ich ’bei‘ mir:[1] ’So‘ wird Gott uns ’also‘ Recht schaffen![2]
––––
4 Ich vernahm ein Getöse in der Richtung der heiligen Stadt Jerusalem;
meine Hüften brachen bei der Kunde zusammen[3].
5 Meine Kniee wankten, mein Herz geriet in Angst,
meine Glieder zitterten wie Flachs —
6 ich dachte: sie richten doch ihre Wege gerecht ein![4]
––––
7 Nun überdachte ich[5] Gottes Gerichte von der Erschaffung von Himmel und Erde an
und mußte Gott in seinen Gerichten von uran Recht geben:
8 Gott brachte ihre Sünden ans Tageslicht,
die ganze Welt mußte Gottes Gericht als gerecht erkennen.
9 In unterirdischen Klüften[6] [übten sie] freventlich ihre Greuel,
trieben der Sohn mit der Mutter und der Vater mit der Tochter Unzucht.
10 Sie brachen die Ehe, ein jeder mit seines Nächsten Weib,
schlossen darüber unter sich eidliche Verträge ab.
11 Das Heiligtum Gottes raubten sie aus,
als wäre kein Erbe [und] Rächer da.
12 Sie betraten des Herrn Altar nach jeder Verunreinigung
und in Blutfluß[7] verunreinigten sie das Opfer wie gemeines Fleisch.
13 ließen keine Sünde mehr übrig, die sie nicht schlimmer als die Heiden übten.
––––
14 Darum goß ihnen Gott einen Geist der Verblendung ein,
schenkte ihnen einen Becher ungemischten Weins zur Berauschung ein.
15 Er führte heran den [, der] vom Ende der Erde [kam], den gewaltigen Stößer[8],
verhängte Krieg über Jerusalem und sein Land.
16 Die Fürsten des Landes gingen ihm freudig entgegen[9],
sprachen zu ihm: Erwünscht ist dein Kommen, willkommen, tretet ein in Frieden!

  1. Lies ἐν τῇ καρδίᾳ μου.
  2. Griech. ποῦ ἄρα κρινεῖ αὐτὸν ὁ θεός, also wörtlich: „wo also wird Gott ihn (den Feind) richten“, bezw. „es“ (das Volk). Ist der griech. Text richtig und dem Urtext entsprechend, so erwartet der Dichter, Gott werde den Feind vernichten, und es entsteht für ihn nur die Frage: wo Gott das thun werde. In diesem Falle braucht er aber durch die Wahrnehmung, daß der Vorstoß gegen Jerusalem geht, nicht erschreckt zu werden (V. 4 ff.): der Feind könnte ja auch in Jerusalem gerichtet werden. Überhaupt wäre dann in V. 4-6 kein Grund zur Enttäuschung. Diesen Sinn aber haben V. 4-6, wie besonders V. 6 zeigt; s. u. Demgemäß schlägt Wellh. vor, ein hebr. יׅשְׁפְּטֵנוּ „er wird uns richten“ anzunehmen, das der Übers. יׅשְׁפְּטֶנּוּ las = „er wird ihn richten!“ Schwerlich hingegen darf man mit Wellh. ποῦ ἄρα = אֵיפׄה „gewiß“ fassen. Das hebr. אֵיפׄה = gewiß steht nie absolut, sondern immer an einen Imperat. oder dergleichen angelehnt. Falls ποῦ nicht ursprünglich ist, läßt sich nicht mehr ausmachen, was an seiner Stelle stand. Vielleicht schrieb der Übersetzer nur ἄρα = also. Denn das Wo? kommt weniger in Frage als das Daß; ποῦ wäre dann lediglich Zusatz eines griech. Abschreibers, der dem Texte zu einem vermeintlich besseren Sinn verhelfenwollte.
  3. Der Dichter hatte gehofft, der Trompetenschall sei das Signal zum jüngsten Gericht. Aber er sieht sich bitter enttäuscht: es geht gegen Jerusalem selbst. Daher fährt ihm der Schreck in die Glieder. — Die Worte in V. 1-6 erinnern stark an 1,1-3; es scheint aber nicht, daß beide Male dasselbe gemeint sei.
  4. Eine geläufige Lesart giebt: εἶπα κατευθύνουσιν = ich sprach zu denen, die etc. Dann wäre erst V. 7 ff. seine Rede. Allein wo sollte sie dann enden? Außerdem paßt V. 7 nur als Rede an den Leser, nicht an die Gerechten. Man lese also εἶπα κατευθυνοῦσιν. Dann ist V. 6 Selbstgespräch zur Begründung seiner Enttäuschung, und erst 7 ff. giebt des Rätsels Lösung. Meint aber V. 4-6 eine Enttäuschung, so kann κρινεῖ V. 3 kein feindliches Richten meinen und deshalb αὐτόν dort nicht die richtige Übersetzung sein.
  5. Vergangenheit (V. 7 f.) und Gegenwart (9 ff.) zeigen ihm bei näherer Überlegung, daß die Meinung von V. 6 irrig, also auch die Hoffnung auf ein Segensgericht verkehrt war.
  6. Vgl. Jes. 65, 4 und dazu, was Jos. Ant. XIII, 14,2 von Alex. Jannai erzählt, wie er an heimlichen Örtern mit seinen Buhlen schwelgt. S. auch 2,11 ff. 4,4 ff.
  7. Vgl. Jes. 64,5.
  8. Vgl. Jes. 46,11.
  9. Dies ist neben V. 19-21 entscheidend für die Deutung des Psalms. Das hier Erwähnte stimmt in überraschender Weise zu den näheren Umständen der Einnahme Jerusalems durch Pompejus. Vgl. Jos. Ant. XIV, 4,1.2.4, wonach erst Aristobul selbst Pompejus die Schlüssel der Stadt verspricht, hernach seine Gegner das römische Heer geradezu willkommen heißen und ihm Stadt und Burg (außer dem Tempel) übergeben. Den wohlbefestigten Tempel hingegen muß Pompejus einer regelrechten Belagerung unterziehen, und erst nachdem der größte Mauerturm durch Belagerungsmaschinen zerstört ist (XIV, 4,4), können die Römer eindringen. Es folgt dann ein allgemeines Blutbad (V. 20), und Aristobul wird mit seinen Kindern nach Rom geschleppt (V. 21; Jos. XIV, 4,5). So stimmen alle einzelnen Züge mit des Jos. Bericht überein. Auch ist nicht nötig, mit Wellh. unter den πύλαι V. 17 etwas anderes als die Stadtthore (XIV, 4,1 ff.) zu verstehen.
Empfohlene Zitierweise:

Rudolf Kittel (Übersetzer): Die Psalmen Salomos. Tübingen: J.B.C. Mohr (Paul Siebeck), 1900, Seite 138. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DiePsalmenSalomosGermanKittelKautzsch2.djvu/012&oldid=1331934 (Version vom 5.11.2010)