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wie wenn eine Buchrolle aufgewickelt wird, 83 und fallen wird das ganze vielgestaltige Himmelsgewölbe auf die hehre Erde 84 und in das Meer, und es wird fließen ein Gießbach mächtigen Feuers 85 unermüdlich, verbrennend die Erde, verbrennend das Meer, 86 und wird das Himmelsgewölbe und die Tage (?) und die Schöpfung selbst 87 in eins zusammenschmelzen und reinlich auseinanderlesen. 88 Und nicht mehr [werden sein] die prunkenden Kugeln der Himmelsleuchten, 89 nicht Nacht, nicht Morgen, nicht viele Tage der Sorge, 90 nicht Frühling, nicht Winter, nicht auch Sommer, nicht Herbst. 91 Und dann wird das Gericht des großen Gottes erscheinen 92 in der großen Zeit, wann dies alles geschehen ist[1].

* * *
97 Aber wenn die Drohungen des großen Gottes erfüllt werden, 98 die er einstmals den Sterblichen androhte, ’als sie‘[2] den Turm bauten 99 im assyrischen Lande — sie waren aber alle von gleicher Sprache 100 und wollten emporsteigen zum gestirnten Himmel. 101 Alsbald aber ’legte‘ der Unsterbliche den Winden ’mächtigen Zwang auf‘[3], 102 und da warfen die Stürme den großen Turm ’von hoch‘[4] 103 hinab und erregten den Sterblichen Streit gegeneinander; 104 darum gaben denn die Menschen der Stadt den Namen Babylon. 105 Als aber der Turm gefallen war, und die Zungen der Menschen 106 sich in mannigfache Sprachen verkehrt hatten, aber die ganze 107 Erde mit Sterblichen sich füllte, indem die ’Königreiche‘[5] sich teilten: 108 da [war] das zehnte Geschlecht der redenden Menschen[6], 109 seitdem die Sintflut über die früheren Männer gekommen war, 110 und es wurden Herrscher Kronos, Titan und Japetos. 111 Treffliche Kinder der Gaia [Erde] und des Uranos [Himmels] wurden sie bei den Menschen genannt, 112 mit den Namen der Erde und des Himmels, 113 weil sie die Hervorragendsten waren unter den redenden Menschen. 114 Drei Teile der Erde [waren], für das Los eines jeden, 115 und ein jeder wurde Herrscher in seinem Teile, ohne daß sie kämpften; 116 denn Eidschwüre waren durch ihren Vater geschehen und gerechte Teilung. 117 Da nun kam für den Vater die volle Zeit des Alters, 118 und er starb, und die Söhne, indem sie die Eidschwüre 119 arg übertraten, erregten Streit widereinander, 120 wer im Besitze der königlichen Ehre über alle Sterblichen 121 herrschen sollte. So kämpften Kronos und Titan gegeneinander; 122 aber ’Rhea‘[7] und Gaia und die kränzeliebende Aphrodite, 123 samt Demeter und Hestia und der schöngelockten Dione, 124 versöhnten sie wieder, indem sie zusammenbrachten alle Könige 125 und die Brüder und die Blutsverwandten und auch die anderen 126 Menschen, die von dem Blut und den Eltern waren, 127 und sie entschieden, daß Kronos als König über alle herrschen solle, 128 weil er der Älteste war und von Gestalt der Trefflichste. 129 Aber Titan verpflichtete den Kronos mit großen Eidschwüren, 130 daß er keinen männlichen Nachwuchs von Kindern aufziehen wolle, damit er selber König würde, 131 wenn dem Kronos das Alter und das Todesgeschick komme. 132 So oft aber Rhea gebären sollte, so saßen bei ihr 133 die Titanen und zerrissen alle männlichen Kinder, 134 die weiblichen dagegen ließen sie lebendig, daß sie bei der Mutter aufwuchsen. 135 Als nun die hehre Rhea zum dritten Male gebar, 136 da gebar sie zuerst die Hera, und als die wilden Männer, die Titanen, 137 das weibliche Geschlecht mit den Augen sahen, gingen sie nach Hause. 138 Und dann gebar Rhea ein männliches Kind; 139 das schickte sie schnell nach Phrygien hinüber, daß es in Heimlichkeit ’und Abgeschiedenheit‘[8] aufwüchse, 140 indem sie drei kretische Männer nahm, die sie mit Eiden verband. 141 Darum nannten sie ihn Zeus, weil er
  1. Hier wird wieder eine Lücke in der Hdschr. bezeichnet.
  2. 98 „als sie“ Zitat bei Theophilus; „die“ Hdschr.
  3. Ergänzt aus Theophilus; in der Hdschr. fehlt ein halber Vers.
  4. ὑψόθε(ν) mit einem Teil der Hdschr. statt ὑψόθι „in der Höhe“.
  5. Alex.; Hdschr. „Könige“.
  6. Andere LA. „im zehnten Geschlechte“.
  7. Alex. Für „Here“ (s. 136) der Hdschr.
  8. So nach RL; in den anderen Hdschr. sind die Adverbien zusammengewachsen. Statt „und“ Hdschr. „aber“, verb. von Struve.
Empfohlene Zitierweise:

Friedrich Blass (Übersetzer): Die Sibyllinen. Tübingen: Mohr Siebeck, 1900, Seite 187. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DieSibyllinenGermanBlassKautzsch2.djvu/11&oldid=1959561 (Version vom 24.02.2013)