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Lügnerin. Aber wenn alles geschehen ist, 816 dann werdet ihr meiner gedenken, und Niemand wird mich mehr 817 rasend nennen, sondern eine große Prophetin Gottes. 818 Denn ’der hat mir offenbart‘[1], was vorher meinen Erzeugern, 819 sowohl was am Ersten geschah, was mir Gott gezeigt hat, 820 als auch hat er von dem Nachfolgenden alles in meinen Sinn gelegt, 821 so daß ich weissage das Künftige und das vormals Gewesene 822 und es den Sterblichen sage. Denn als die Welt mit Gewässern überflutet 823 wurde, und ein einziger wohlgefälliger Mann ’übrigblieb‘[2], 824 der im Hause von gefälltem Holz auf den Gewässern dahinfuhr, 825 mit den Tieren und den Vögeln, auf daß sich die Welt von Neuem fülle: 826 von dem bin ich eine Schwiegertochter und von seinem Blute, 827 [von dem,] dem das Erste geschah, und das Letzte alles gezeigt wurde: 828 also soll von meinem Munde dies Alles der Wahrheit gemäß gesagt sein[3].

Viertes Buch.

1 ’Höre‘[4], Volk des stolzen Asiens und Europas, 2 was ich durch meinen honigstimmigen Mund von unserer ’Orakelstätte‘[5] aus 3 mit lauterer Wahrheit zu weissagen mich anschicke: 4 nicht ’eines lügenhaften Phoibos Orakelkünderin‘[6], den eitle 5 Menschen einen Gott nannten und mit weiterer Lüge einen Seher, 6 sondern des großen Gottes, den nicht Hände von Menschen gebildet haben, 7 stummen, aus Stein gehauenen Götzen ähnlich. 8 Denn auch als Haus hat er nicht einen im Tempel niedergesetzten Stein, 9 ganz taub und stumm, schmerzvollen Schimpf und Schaden der Menschen, 10 sondern welches[7] man von der Erde nicht sehen noch messen kann 11 mit sterblichen Augen, nicht gebildet von sterblicher Hand: 12 welcher, indem er Alle zugleich sieht, selbst von Keinem gesehen wird; 13 welchem gehören die finstere Nacht und der Tag und die Sonne, 14 die Sterne und der Mond und das fischreiche Meer 15 und die Erde und die Flüsse und die Mündung[8] der immer rinnenden Quellen, 16 Geschaffenes zum Leben, und die Regengüsse zugleich, 17 die die Frucht des Feldes hervorbringen und die Bäume und die Weinstöcke und die Ölbäume. 18 Dieser hat mir die Geißel durch den Sinn hineingetrieben, 19 daß ich den Menschen das, was jetzt und was hernach sein wird, 20 von dem ersten Geschlecht an, bis das elfte kommt[9], 21 gewiß erzähle; denn alles wird er selbst in der Erfüllung [als wahr] erweisen[10]. 22 Du aber, o Volk, höre in Allem auf die Sibylla, 23 die aus frommem Munde die wahrhaftige Stimme ertönen läßt.

24 Glückselig werden jene Menschen auf Erden sein, 25 die den großen Gott lieben werden, ihn preisend, 26 bevor sie trinken und essen, frommem Sinne vertrauend; 27 die da sich abwenden werden[11] von dem Anblick aller Tempel 28 und Altäre, eitler Gründungen aus tauben Steinen, [und] 29 die befleckt sind mit dem Blute lebender [Geschöpfe] und mit Opfern 30 vierfüßiger [Tiere]. Vielmehr werden sie sehen auf die große Herrlichkeit des einen Gottes[12], 31 weder frevelhaften Mord vollbringend, noch 32 gestohlenen, unendlichen Gewinn nehmend[13], was ja das Schlimmste ist, 33 noch nach fremdem Lager schimpfliches Verlangen hegend,


  1. Castalio; Hdschr. „nicht wird er mir offenbaren“.
  2. Castalio; Hdschr. „genommen wurde“.
  3. Über den Schluß (818-828) s. Einltg. S. 180.
  4. Opsopoeus; Hdschr. „weine“ oder „hörst“.
  5. Mendelssohn; Hdschr. „großen“ (zu „Mund“?), so daß „von unserem“ ohne Substantiv bleibt.
  6. In der Hdschr. leicht entstellt; verb. nach dem Citat bei Clemens Alex.
  7. Unklar, ob „welches [ Haus]“ oder „welchen [Gott]“; das spätere „welcher“ geht deutlich auf Gott.
  8. Andere Lesart „der Trank“.
  9. Zweifelhaft; nach Alex., der V. 47 und 86 vergleicht, viell. „bis es [man] zum zehnten komme“ (ἐς δεκάτην für ἐνδεκάτης).
  10. Andere Lesart „hat er — (erfüllend) gesagt“.
  11. Andere Lesart (auch bei Clemens und dem sogen. Justinus) „welche alle Tempel beim Anblick verleugnen (ablehnen) werden“.
  12. Andere Fassung für „vierfüßiger ... Gottes“ (bei Clemens; auch in einem Teile unserer Hdschr. diesem Verse vorangestellt): „vierfüßiger, zweifüßiger, geflügelter [Tiere] und mit Mordblut wilder Tiere“.
  13. Andere Fassung „gest. Gewinn verhandelnd“.
Empfohlene Zitierweise:

Friedrich Blass (Übersetzer): Die Sibyllinen. Tübingen: Mohr Siebeck, 1900, Seite 201. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DieSibyllinenGermanBlassKautzsch2.djvu/25&oldid=1963040 (Version vom 3.03.2013)