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Turm, 425 der die Wolken selbst berührt und allen sichtbar ist, 426 so daß alle Gläubigen und alle Gerechten 427 die Herrlichkeit des ewigen Gottes schauen, die ersehnte Gestalt. 428 Aufgang und Untergang priesen den Ruhm Gottes. 429 Denn nicht mehr ist bei den armseligen Sterblichen, was sie fürchten müßten, 430 noch auch Ehebruch und frevelhafte Knabenliebe, 431 nicht Mord noch Kriegsgetümmel, sondern gerechter Wettstreit unter allen. 432 Es ist die letzte Zeit der Heiligen, ’wenn dies‘[1] ’vollbringen wird‘[2] 433 der hochdonnernde Gott, der Gründer des größten Tempels.

434 Wehe, wehe dir, Babylon, du auf goldnem Throne, mit goldnen Sohlen, 435 langjährige Königin, allein die Welt beherrschend, 436 die du vor Alters groß warst und eine Allstadt! Nicht mehr wirst du liegen 437 auf goldnen Bergen und an den Wassern des Euphrat; 438 ’du wirst hingestreckt werden‘[3] ’durch das Getümmel‘[4] eines Erdbebens. Die schrecklichen Parther 439 haben dich alles ’erdulden‘[5] lassen. ’Es hat dein Mund einen Zaum‘[6] des Zwangs, 440 du Geschlecht der Chaldäer; nicht frage noch forsche, 441 wie du die Perser beherrschen oder wie du die Meder bezwingen kannst. 442 Denn um deiner Herrschaft willen, die ’du bekamst‘[7], nachdem du Geiseln 443 nach Rom geschickt hattest, und indem ’du Asien dientest‘[8]. 444 Darum wirst auch du selbst, die Königin ...[9] zum Gerichte 445 ...[10] kommen, um derentwillen du ’Trauriges‘[11] erlitten hast, 446 und wirst für krumme Reden bittere Rede deinen Feinden stehen.

447 Es wird in der letzten Zeit einmal das Meer trocken sein, 448 und nicht mehr werden einst die Schiffe nach Italien fahren; 449 Asien, das große, fruchtbare, wird dann Wasser sein, 450 und Kreta eine Ebene. Kypros wird ein großes Leid haben, 451 und Paphos wird sein schreckliches Schicksal ’bejammern‘[12], ’bis‘[13] es bemerkt, 452 wie auch Salamis, die große Stadt, ein großes Leid erlitten hat: 453 jetzt wüst [und] unfruchtbar, wirst du wiederum am Gestade sein. 454 Ein nicht geringer Heuschreckenschwarm wird das kyprische Land verderben. 455 Auf Tyros, ihr unglückseligen Menschen, hinblickend werdet ihr weinen. 456 Phönikien, ein schrecklicher Zorn harrt deiner, bis du fällst in 437 bösem Fall, damit die Sirenen[14] in Wahrheit weinen.

458 Es wird aber geschehen im fünften Geschlechte, wenn das Verderben 459 Ägyptens aufhören wird, indem sich die widerwärtigen Könige verbinden, 460 werden sich die Geschlechter der Pamphylier auch in Ägypten niederlassen, 461 und bei den Makedoniern und in Asien und bei den Lykiern[15] [wird sein] 462 ein die Welt beschwerender Krieg, blutig im Staube, 463 welchen stillen wird der König von Rom und die Herrscher des Westens.

464 Wenn der winterliche, schneeige Sturm träufelt, 465 indem der große Fluß und die größten Seen gefrieren, 466 wird alsbald ein barbarischer Schwarm in das asische Land wandern 467 und verderben das Geschlecht[16] der schrecklichen Thrakier, welches [wahrlich] nicht schwach ist. 468 Und dann werden die Menschen, ihr Herz verzehrend[17], ihre Eltern aufessen, 469 indem der Hunger sie quält, und ...[18] schlürfen. 470 Aus allen Häusern werden die wilden Tiere


  1. Alex.; Hdschr. „weil es“.
  2. Rzach (Castalio); „ermahnt“ Hdschr.
  3. Huet; Hdschr. „der hingestreckten“ (Dat.).
  4. Rzach, vgl. IV, 58; „in der Zeit“ Hdschr.
  5. Volkmann; „beherrschen“ Hdschr.
  6. Konjektur; „habe den Mund den Zaum“ Hdschr. („halte deinen Mund stumm, unreines G.“ Alex., zum Teil nach Opsopoeus). Vgl. übrigens Jes. 47, 5 (Alex.).
  7. Alex.; „er bekam“ Hdschr.
  8. Alex.; Hdschr. „und Asien dienende“ (zu Geiseln?).
  9. Hdschr. „denkend“ („gesinnt“).
  10. Sinnloser Gen. Plur. (auf den dann das Relativ geht); Emendation unsicher.
  11. Castalio; Hdschr. „Lösegeld“ (ein Teil dann „geschickt hast“).
  12. Alex.; Hdschr. „daherfahren“.
  13. Konj. (ἐστε); Hdschr. „so daß“. Derselbe Versschluß auch 65. 351, und dieselbe Emendation ist möglich.
  14. Bei den nachhomerischen Griechen Sängerinnen der Totenklage.
  15. „Libyern“ nach Alex.s Änderung.
  16. Man möchte um der Geographie willen „Geschlecht“ als Nomin. fassen.
  17. Nach Naucks Konj. (Rzach) „frevelhafte Speise verzehrend“.
  18. „Speisen“ Hdschr.
Empfohlene Zitierweise:

Friedrich Blass (Übersetzer): Die Sibyllinen. Tübingen: Mohr Siebeck, 1900, Seite 215. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DieSibyllinenGermanBlassKautzsch2.djvu/39&oldid=1980300 (Version vom 31.03.2013)