Seite:Die Erotik (Andreas-Salome).djvu/53
aus Wikisource, der freien Quellensammlung
|
faßt, bindet, miteinander vermählt, scheint dies nur zu so einseitigstem Zweck zu tun; ja die Einzelperson erscheint förmlich überladen als Trägerin ihres Geschlechts: nur als die Ergänzung, die „andere“ Welt, erhebt sie sich zum geliebten Ein und Alles. Und tatsächlich läßt sich der entscheidende Charakter dieser Zustände und Vorgänge auch nur näher darstellen, feststellen, innerhalb einer solchen gewissen Übertreibung, indem der ganze Begriffsinhalt von „männlich“ oder „weiblich“ jedesmal unverkürzt aufgehäuft wird auf den einzeln gegebenen Mann, die einzelne Frau. Insofern muß eine dadurch unberücksichtigter gebliebene Seite der Sache nachbetont werden, die diese erst aus dem allzu Flächenhaften der Gedanklichkeit ins mehrseitig Beleuchtete, Vollwirklichere rückt: nämlich der Umstand, daß auch in Bezug auf die Einzelpersonen das Erlebnis der Liebe einen Doppeleinfluß ausüben kann. Beruht schon alle Liebe auf der Fähigkeit, das Andersartige mitempfindend in sich zu erleben, und läßt sich von ihren stärkeren Äußerungen geradezu sagen, beider Liebenden Erlebnis sei infolgedessen identisch, so trägt sie bereits damit ein doppelmenschliches Antlitz: umfängt, ungefähr wie leiblich in der Empfängnis, das Geschlecht des andern in ihrem Gefühlsausdruck. Das befähigt sie, ungeachtet der Verschärfung des Geschlechtscharakters, dennoch daneben Züge zu gewinnen, in denen sie ihren eignen Geschlechtsgegensatz gleichsam wiederstrahlt.[1] |
Empfohlene Zitierweise:
Lou Andreas-Salomé: Die Erotik. Frankfurt am Main 1910. Seite 53. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Erotik_(Andreas-Salome).djvu/53&oldid=737138 (Version vom 12.7.2009)
Referenz-Fehler: <ref>-Tags existieren, jedoch wurde kein <references />-Tag gefunden.